Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 41
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hl. Bruno zu Devit. cap. X leseu Sie
die merkwürdigen Worte: „Wenn Moses
über die Priester zornig ward, weil sie
deu Opferbock hatten verbrennen lassen,
den sie hätten essen sollen, so hat er uns
damit offenbar lehren wollen, daß wir
Büßer, die schon lange ihre Sünden zu
Herzen genommen, nicht verachten und
vernachlässigen, sondern zuvorkommend und
freudig anfnehmen und zur Kirche zurück-
bringen sollen. Den Bock essen, heißt
nämlich nichts anderes, als den Sünder
mit der Kirche wieder anssöhnen. So aß
ja auch Petrus, zu dem gesagt worden:
„Schlachte und iß!" Verbrannt aber wird
der Bock, wenn die Zurechtweisung das
Maß überschreitet und den Sünder in
Verzweiflung stürzt. Glicht verbrannt
werden also darf dieser Bock, sondern nur
sachte znbereitet werden."

Was erwidern Sie nun ans dieses,
Sie Bockverächter? Ich weiß, was Sie
erwidern. Halt, werden Sie sagen, ich
verbitte mir das unbefugte Hereinziehen
eines neuen Begriffs! Daß der Bock als
Opferthier auch die mystische Opferung des
sündigen Menschen in Rene und Buße be-
deuten kann, ist eben nicht auffallend.
Aber wo ist hier auf diesem Bilderfriese
die Opferidee? Diese Böcke sind wie
andere Böcke; wer beweist, daß sie als im
Zustand des Opfers befindlich auszufassen
sind? Darauf könnte ich antworten: daß
unsere Böcke im Zustand des Opfers ge-
dacht sind, daraus scheint allerdings ihre
auffallend gedrückte Stellung, die, wie wir
gesehen, sonst in nichts begründet ist, hin-
zudeuten; ihre schmachtende Zunge kenn-
zeichnet sie doch wahrlich eher als hirci
paenitentiae denn als hirci luxuriae!
Auch versteht es sich von selbst, daß eine
Bilderreihe, wie die vorliegende, nur das
Allernotwendigste zur Darstellung bringen
kann. So etwa könnte ich antworten;
aber ich weiß etwas viel Durchschlagenderes,
nämlich, daß die Böcke gar nicht näher
gekennzeichnet zu werden brauchen; daß
ihnen nach mittelalterlicher Anschauung,
auch wenn sie gar nicht weiter gekenn-
zeichnet sind, schon als solchen der Begriff
der geistigen Hmopsernng des bußfertigen
Sünders inne wohnt. Oder, sagen Sie
selbst: Wie könnte sonst Rhabanus Mau-
rus ganz allgemein behaupten: Hirci figu-

ram poenitentium habent, quia pro
peccato in lege offerebantur . . . Per
hircum opera poenitentiae ut in Genesi:
mittam tibi haedum de capris ? Oder
wie könnte es in einem Brief des heiligen
Hieronymus, ohne daß dieser Gedanke durch
den Zusammenhang irgendwie tiefer be-
gründet, oder enger beschränkt würde, heißen:
Per hircum mortihcatio fornicariae vo-
luptatis intelligitur. (Corblet ebend.
S. 539.)

Wenn folglich Böcke schlechthin (und
mögen Sie dies ein Paradoxon nennen,
eine Thatsache ist es doch!) ein Absterben
der Sinnlichkeit und ein Leben im Geist
bedeuten können, und wenn sie gerade da,
wo weitere Zeichen fehlen, regelmäßig so
und nicht anders anfgefaßt wurden; wie
dürften, wie könnten Sie diesen Sinn ver-
kennen an der Stirn eines Gebäudes, für
dessen Insassen der Kampf der sittlichen
Freiheit gegen die Knechtschaft des Flei-
sches das allererste Erforderniß war! Hat
man doch auch die rohen Bockssiguren,
welche ohne alles Weitere die Decke der
Krypten von St. Mareellin und St. Pe-
ter und von St. Priseilla in den römischen
Katakomben schmücken, von jeher als eine
Aufforderung zur Reue und Umkehr und
als Erinnerung an das tröstliche Wort
erklärt: „Ich bin nicht gekommen, die Ge-
rechten, sondern die Sünder zur Buße zu
rufen" (vgl. Corblet, ebend. S. 546)

— ohne daß es irgend jemand eingefallen
wäre, diese Deutung deshalb zu bemäkeln,
weil sie nicht hinlänglich „indieirt" sei.

Das wären ja, rufen Sie entsetzt ans,
nicht bloß zwei verschiedene Seiten, son-
dern zwei sich geradezu widersprechende
Bedeutungen eines und desselben Sinn-
bilds, also kontradiktorische Gegensätze. Ja,
und wissen Sie denn nicht, daß solche
Widersprüche im Symbolismus gang und
gäbe sind? Aus zwei entgegengesetzten
Eigenthümlichkeiten einer Sache oder eines
Wesens bildeten sich die zwei entgegenge-
setzten Bedeutungen heraus — was ist
daran auffallend? Daß und warum z. B.
der Löwe das einemal Christus, das andere-
mal sein Gegentheil bedeutet, können Sie

— Sie zählen hoffentlich zu den Lesern
des „Archivs" — im Jahrg. 1889 S. 38
Nachlesen. Auf dem Ihnen wahrscheinlich
bekannteren Gebiete der germanischen Göt-
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