Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 42
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tersage finden Sie die altdeutsche Natur-
göttin Hulda merkwürdigerweise zugleich
als die stille Walterin des Hauses und
als die wilde Jägerin des Waldes: merk-
würdigerweise, und doch wundern Sie sich
darüber nicht, weil sie in ihr bald die
freundlich milde, bald die wild unbändige
Seite des Naturlebens verkörpert sehen.
Ganz ähnlich verhält es sich, wenn Sie
erlauben, mit dem Bock. Ist er einerseits
wegen seiner unreinen Triebe und wegen
seines Geruchs in Verruf, so zählt ihn
andererseits der alttestamentliche Opfer-
ritns als Wiederkäuer und Zweihufer un-
ter die reinen Thiere. Begreifen Sie nun
bald, warum er zugleich die Sünde und
die Sühne, ja den Sünder und den Ver-
söhner darstellen kann und wie dies beides
in ihm zur höheren Einheit znsammenfließt?

Es ist diese Doppelscite seines Wesens,
die ihn als ganz passendes Sinnbild des
Erlösers erscheinen ließ, welcher „heilig,
schuldlos, unbefleckt, ausgeschieden von
Sündern", doch mit den Sünden aller
Welt beladen ward und die Schmach des
Kreuzes auf sich nahm. Die Schrifter-
klärer erläuterten diesen Gedanken an der
Opserceremonie am großen Versöhnnngs-
tag, vgl. 3 Mos. 16, 7 ff. Die beiden
bei derselben betheiligten Böcke versinnbilden
Ihnen den göttlichen Heiland nach den
zwei verschiedenen Seiten seines Wesens.
Der eine, welcher bekanntlich zur Ent-
sühnung des Volkes geschlachtet wurde,
bedeutet seine menschliche Natur, in der er
gelitten hat und gestorben ist; der andere,
welcher erst dem Herrn dargestellt, dann
aber in die Wüste entlassen wurde, ver-
anschaulicht seine Gottheit, die von Leiden
und Sterben unberührt blieb.

Wenn ich Ihnen zu guter letzt noch
sage, daß mehrere mittelalterliche Schrift-
steller eine lateinische Strophe ansühren,
in welcher die zwei Böcke auf die zwei
Naturen in Christo bezogen werden, *)

J) »Ante fores templi binos lex applicat
hircos: Unus deserto mittitur, alter obit. Chri-
stus diversis virtutibus hircus uterque: Nam
tulit [mortem] in ligno, vivit in arce poli.
Corblet, S. 536. Ebend. S. 534 f. finden sich
folgende Sätze von Rhaban. Maurus: Hircus
in lege pro peccato offerebatur, mundum qui-
dem animal, sed foetidum et luxuriosum . . .
Similiter autem et Judaei Salvatorem nostrum
seductorem et peccatorem dicunt ... in quorum

und daß sie dazu bemerken, diese Strophe
müsse eine bildliche Darstellung erläutert
haben, die offenbar an der Wand einer
Basilika, also ganz analog unfern Bocks-
figuren angebracht gewesen: so werden Sie
zngeben, daß Sie mit ihren Bedenken, ob
ich diesen Hirsaner Böcken je einen ge-
scheidten Sinn werde entlocken können, mich
nicht in Verlegenheit gebracht haben. Eher
dürften S i e jetzt in Verlegenheit kommen,
ans den tiefsinnigen Gedanken, die da
heransgesprnngen, die passendste Auswahl
zu treffen und die richtige Anwendung da-
von zu machen. Also statt eines'Mangelö
Ueberslnß, emdnrrns de richesse! Ja,
diese Böcke sind nur bockbeinig für den-
jenigen, der sie oberflächlich betrachtet.
Drum liegt die Schwierigkeit solcher alten
Bilderräthsel nicht in ihnen selbst, sondern
in dem Abstand der Zeiten. Ueberwinden
wir diesen durch unverdrossenes Studium,
und die Symbole werden uns als Lohn
der Mühe die Fülle geisterweckenden und
herzbewegenden Inhalts enthüllen, welche
der mittelalterliche Mensch, der Ihnen ohne
trennende Scheidewand gegenüberstand,
mühelos im bloßen Anschanen schöpfte.

(Fortsetzung folgt.)

Die Klosterkirche von Dleresheim.

Das zwölfte Heft der sehr verdienstlichen
und empfehlenswerthen S a m m l u u g s ch w ä-
bischer Baudeukmale von Photograph
Sinn er in Tübingen enthält vier pracht-
volle Blätter mit photographischen Aufnahmen
der Klosterkirche von Neresheim (Preis 12 M;
die Photographien sind auch in kleinerem
Format zu haben). Jeder Kunstfreund muß
an diesen Blättern seine wahre Herzens-
sreude haben, einmal weil die baulich und
malerisch hochinteressante Kirche bisher noch
nie abgebildet oder ausgenommen worden ist,
sodann weil diese Aufnahmen so in jeder
Hinsicht gelungen sind, daß sie zu den höch-
sten Leistungen heutiger Photographie zu
rechnen sind. Vier von den sechs Aufnahmen
gelten hauptsächlich der Architektur; eine
bietet die Außenansicht, Fassade sammt Thurm,
zwei gewähren einen Einblick ins Innere.

Diese Architektur ist höchst eigenthümlich

persona Isaias propheta loquitur dicens: »Et
nos reputavimus eum quasi leprosum et percus-
sum a Deo.« — Hircus est Christus, ut in
Levit. hircus emissarius peccata populi portabat:
quod Christus in mundum a patre missus hu-
mani generis peccata portabat.
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