Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 44
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als an Ort und Stelle, wo es dem Auge
so fern ist und das Hinaufsehen viel leib-
liche Pein verursacht. Diese Niesenkompo-
sition der Kuppel, wie gewöhnlich eine himm-
lische Glorie, Schilderung des seligen Lebens
Gottes und der Heiligen im Himmel, theilt
natürlich die excessive Art der damaligen
Malerei, den Mangel an monumentaler Hal-
tung, an Ernst und Gemessenheit des Stils,
den Ueberschwang von Affekt, das Maßlose
in allen Stellungen und Bewegungen. Aber
einmal sind alle jene Kunststücke architektoni-
scher Perspektive hier vollständig bei Seite
gelassen; sodann findet sich in der ganzen
Komposition nichts Indezentes, ja es ist ein
gewisser Hauch der Andacht nicht zu verken-
nen. Bewunderung aber nöthigt ab die
grandiose Kompositioils- und Grnppirnngs-
gabe, die Richtigkeit und Leichtigkeit der Zeich-
nung, die Mannigfaltigkeit und Unerschöpf-
lichkeit der Charakteristik. Eine Vergleichung
von Tintoretto's Himmel im Dogenpalast in
Venedig mit dieser Glorie läßt Knollers ge-
waltiges Genie erkennen; dort eine Aufhäuf-
ung von Gestalten, in deren Wirrwarr der
Meister lediglich keinen Schein von Ordnung
mehr zu bringen verinag, hier auch Massen
von Gestalten, aber künstlerisch bezwungen,
geistig beherrscht. Und die Hunderte von
Gesichtern sind auf Einen Ton gestimmt
und gehen zu Einer großen Harmonie der
Seligkeit zusammen. 3fitf drei ziemlich kon-
zentrische Wolkenringe sind die Schaaren der
Heiligen vertheilt; diese Ringe gehen sanft
in einander über, so daß man den Eindruck
erhält, als ob vom Mittelpunkt, von der
Dreifaltigkeit, ein mächtiger Strom von Glorie
und Seligkeit anssließe und in diesen großen
Windungen verlause, allen Lust und Ent-
zücken mittheilend, welche mit ihm in Be-
rührung kommen. Es liegt etwas Berücken-
des in diesem Reigentanz der Heiligen voll
Leben unb exstatischer Freude, und es ist
eine wahre Augenweide, die Gruppen nach
einander zu mustern in ihren mannigfaltigen
Charakterisirnngen und Stellungen; ganz be-
sonders lieblich erscheinen die ferner gerückten
Gestalten, denen verduftende, von den vor-
deren massigeren Wolken sich ablösende Ne-
belwölkchen als Wohnraum angewiesen sind.
Allsgezeichnet ist vom Maler die Madonna,
lvelche einen kleilien Hofstaat von Engeln um
sich hat und in seligem Entzücken ihre Arme
weit ausbreitet. Daß man dem Bilde schon
zilr Zeit seiner Entstehung hohen Wert bei-
maß, zeigt das zu Kempten 1775 im Druck
herausgekommene Carmen epicum de Cuppa
media et maxima Basilicae novae monasterii

in welchem Knoller als mailändischer Apelles
gefeiert und fast jede Gestalt des Bildes be-
schrieben und besungen wird (s. auch die
Serie von Artikeln über Reresheim in Ho-
felchs Diözesan-Archiv Jahrg. 1888). Möge
der überaus strebsame und tüchtige Photo-
graph, der ailch andere Klosterkirchen unseres
Landes allfzunehmcn gedenkt, für seine herr-
lichen Aufnahmen das verdiente Interesse
und reichen Absatz fiilden.

Literatur.

Die Kilnst- it n b Alter thu ms den k-
nt a l e des Königreichs Württem-
berg. Vierte bis zehnte Lieferung. Stntt-
gart, Paul Reff 1890. Preis n M. 1.60.

Das groß angelegte Staatswerk schreitet, was
den Atlas anlangt, sehr rüstig vorwärts; mit
dieser zehnten Lieferung ist bereits das erste
Drittel des ganzen Atlas fertiggestellt; vom Text
ist außer der früher angezeigten eine weitere
Lieferung noch nicht erschienen. Die vorliegendeil
Atlas-Tafelil verdienen alles Lob unb erfüllen
auch hochgespannte Erivartungen. Die Aufnah-
men des Architekt Endes, welche die Mehrzahl
der Tafeln füllen, sind von bewunderungswür-
diger Schärfe und Akribie der Zeichnung, Muster
von Genauigkeit und feinem architektonischeil
Gefühl; die Clichos sind tadellos; die große
Masse von Details bis auf die Steinmetzzeichen
herab und bis zur Angabe der Einzelmaße
lvird vielleicht mancheil Laien wenig interessiren,
ist aber unschätzbar für die Forschung. Daß die
sehr tüchtigen Clichos aus den Werken über
Maulbronn und Bebenhausen (nach Aufnahmen
von C. Rieß, Eugen Macholdt u. a.) wieder in
Verwendung kamen, ist durchaus zu billigen;
das gleiche gilt von den Eßliuger Aufnahmeil
und von der herrlichen Aufnahme des Chorge-
stühls in Ulm, die aus deur älteren Werk über
Schivabens Kunstdenkmale herübergenommen
lvurden. Tüchtig sind auch die Lichtdrucke von
M. Rommel in Stuttgart (Hauptportal der
Südwestseite der Fraueilkirche in Eßlingen, Lu-
llette desselben mit dem Gerichtsbild, Portallunette
anl Apvstelthor der Stiftskirche, Schillerplatz mit
dem Prinzenbau, Reliefs vom Brackenheimer
Hochaltar). Nicht konkurriren können mit diesen
Tafeln die Holzschnitte von E. Cloß (Gothischer
Brunnen in Rottenburg, Rathhaus in Heilbronn,
Brunnen und Rathhaus in Tübingen). Voll-
ständig mißrathen aber ist das Blatt mit der
Innenansicht der Klosterkirche von Neresheim;
so wohl gelungen die photographische Aufnahme
von Sinner in Tübingen ist (s. oben), so unglücklich
ausgefallen ist die darnach gefertigte Zeichnung von
G. Loesti, deren konfuse Linien, namentlich in
den GMvölbepartien, man nicht ohne ein Gefühl
des Schwindels auseheu kann. Das ist aber
auch das einzige mißrathene Blatt, und die sonst
unleugbar treffliche technische Oberleitung wird
geiviß sorgen, daß es vereinzelt bleibt. Möge das
zweite und letzte Drittel der Schwierigkeiten ebenso
sicher und glücklich bewältigt werden, wie das erste!

I^eresüeimeirsiL compositum a Brunone Mayer,

Stuttgart Buchdruckerei der Akt.-Gef. „Deutsches Volksblatt".
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