Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 46
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Strahlen in die Oede, ins Leidensdunkel
des gewöhnlichen Lebens, tröste gedrückte
Gemüther, erfreue die Herzen, hebe die
Gedanken nach oben!" In der That, die
Kirche hat von Anfang an ein lebendiges
Gefühl dafür gezeigt, daß das Volk einen
Anspruch auf die Kunst hat, und daß die
wahre Kunst diese Beziehung zum Herzen
des Volkes suchen und wahren müsse.

Aber nicht in bloßer Dekoration, nicht
in Verschönerung des Lebens geht die Auf-
gabe und das Vermögen der religiösen
bildenden Keucht ans. Sie kann weit mehr.
Sie hat alle Befähigung, innerhalb der
durch ihr Wesen und ihre Mittel gezogenen
Grenzen, als Lehrerin, als Predigeriu,
als Prophetin anfzutreteu. Ihr eignet
eine Stimme, die zu Geist und Herz spricht,
die, ohne in Tönen zu verlautbaren, doch
eine mächtige Wirkung aufs menschliche
Gemüth übt. Sie vermag einen Anschan-
ungsnnterricht zu ertheileu, der durch das
Auge zum Geist vordriugt, aber ganz be-
sonders einen Schlüssel zur Kammer der
Gefühle, zur Werkstätte des Willens hat,
— den Schlüssel der Phantasie, der im
geistigen Leben des Menschen eine so große
Rolle spielt. Sie belehrt, aber sie docirt
nicht; ihre Belehrung ist eine indirekte,
darum oft willkommenere und wirksamere,
besonders in der heutigen Zeit des Schul-
nnd Lernzwanges, des vielen Docirens
und des Panlogismus vielleicht noch mehr
von Bedeutung als zu andern Zeiten. Dem
gläubigen Volk bietet sie einen lieblichen
Kommentar zur christlichen Predigt, der
oft mehr, als alle Schilderung in
Worten es vermöchte, die heiligen Ge-
heimnisse erklärt und nahe bringt. Ja
selbst der Ungläubige, der Geistesstolze,
der Freigeist, den keine christliche Predigt
und kein christliches Buch mehr zu er-
reichen vermag, — den christlichen Unter-
richt durch die religiöse Kunst muß er sich
gefallen lassen und läßt er sich gefallen.
Da Kenntnis der Kunst und der Kunst-
geschichte mehr als je als Element der
allgemeinen Bildung Aufnahme und An-
erkennung gefunden hat und da die Kunst
vieler Jahrhunderte eine fast exclusiv
christliche und religiöse ist, so muß auch
der Glaubenslose es ertragen, daß er eben
durch die Kunst immer wieder an die hei-
ligen Thatsachen und Geheimnisse erinnert

und gemahnt wird, die er längst hatte von
sich werfen wollen; so belehrt die Kunst
noch da, wohin keine Bibel, keine Predigt,
kein Katechismus, kein Wort des Seel-
sorgers mehr ;u dringen vermag, und sie
unterhält noch eine Verbindung der un-
gläubigen Welt mit der Religion und dem
Christenthum, die doch nicht ganz frucht-
los sein kann, und zum mindesten ver-
hindert, daß in diesen Kreisen alle Kennt-
nis katholischen Glaubens und Lebens ver-
loren gehe. Daß die bildende Kunst oft-
mals zur Führeriu ward, welche durch die
Schönheit den Weg zur Wahrheit wies,
welche abgeirrte Seelen in den Schooß der
Kirche zurückgeleitete, ist bekannt.

Neben der belehrenden Thätigkeit ent-
faltet sie eine erbauende, dies Wort
im altgesunden, biblisch-kräftigen Sinn ge-
nommen — Aufbauen, aedificare. Sie
beeinflußt das Fühlen, Wollen, Leben und
Thun. Sie läßt die Anziehungskraft der
dem Wahren und Heiligen eigenen Schön-
heit ans die Gemüther wirken, erweckt hei-
lige Affekte, religiöse Entschlüsse, entlockt
Akte der Tugend. Sie bringt das exempla
trahunt zur Geltung und sie vervielfältigt
im Bilde uub erklärt in Permanenz die
Beispiele der Tugend und Heiligkeit, welche
nur zu Einer Zeit und an Einem Ort
körperlich schaubar waren. Wenn die
Eucharistie allen jenen eine großartige
Entschädigung bietet, welche nicht das Glück
hatten, den Herrn in seinem Erdenwandel
und Erdenwirken zu sehen und zu hören,
indem in ihr die sakramental-wirkliche
Gegenwart Jesu allen Zeiten und Gene-
rationen geschenkt ist, nicht bloß zum gläu-
bigen Schauen, sondern zum wirklichen
Genießen, so strebt die darstellende Kunst
dahin, eine andere minder werthvolle und
wesentliche, aber darum nicht werthlose
Entschädigung zu bieten, indem sie das
einmal Geschehene und Gesehene wieder
und wieder vergegenwärtigt und im sicht-
baren Nachbild der Phantasie vorstellt,
und damit auch Stimmungen, Gesinnungen,
Entschließungen hervorruft, wie sie der
hochheiligen Scene entsprechen. So hilft
sie an ihrem Theil mit, daß der Einzelne
eingefügt werde als Baustein in den hei-
ligen Tempel des Herrn, dessen Eckstein
Er selbst ist, Jesus Christus (Eph. 2,
20 ss.)
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