Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

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romanischen Sprachen wird „ruminiren"
ebenso für die Verarbeitung der leiblichen
wie der geistigen Nahrung gebraucht.
(In wie weit dieses schon in den alten
Sprachen der Fall war, darüber wird ja
demnächst eine Schrift von Ihnen die er-
sehnte Auskunft geben.) — Die zweite
Vergleichung fließt aus der romantischen
Vorliebe der Ziege für Wildnisse und wilde
Felsenhöhen, wo sie lieber als in den
Niederungen den dünnen Grashalmen und
dem jungen Blättertriebe nachstellt. Diese
Vorliebe stempelt die Ziege zu einem treff-
lichen Bild der Seele die das, was droben
ist, sucht, sowie des beschauliche:! Lebens
überhaupt, wie Sie aus Nachstehendem
ersehenQuod capreae de sublimi ci-
bum petunt, veluti pii quae superna
sunt ad animi cibum investigant.
Pier. X, 6. Per capram, quae in
sublimi pascitur, vita theorica intelli-
gitur. Hier, epist. 149. (Die Eitate in
diesem Br. s. bei Corblet 1. e.) Zu dem
beschaulichen Leben wird noch besonders
die sprichwörtliche Sehschärfe der Ziege
in Beziehung gebracht. Capreae acutum
visum habere perhibentur, sed acutiorem
illi habent, qui Deum ipsum et cuncta
invisibilia mentis oculis contemplantur,
sagt Bruno von Asti. — Der dritte Zug
ist abgeleitet von dem tollkühnen Todes-
sprung, in welchem der Ueberlieferung nach
sie wilde Ziege ihre Rettung sucht und findet.
Die Ziege ist nämlich von der Sage wie
mit dem schärfsten Blick, so mit dem stärk-
sten Horn von wahrhaft demantener Härte
begabt. Daher scheint es mir nicht bloß Zu-
fall, ich sehe vielmehr darin ein bedeutsames
Kennzeichen, daß gerade diese pars potior
an unserem fraglichen Thier so hervorragend
ausgebildet ist, so ausgebildet, daß dieser
Umstand genügte, um aus ihr ein furcht-
bares Ungeheuer zu machen, „das die
Jungfrau bedroht"! Was es nun mit
diesem Horn auf sich habe, sagt Ihnen
allerdings Brehm's Thierleben nicht, aber
in alten Büchern steht zu lesen und in
alten Bildern ist zu schauen, wie die
Ziege vor dem Feinde kopfüber in den
Abgrund stürzt und unverletzt sich ans
ihrem Horn, dem kein Stoß schaden kann,
auffängt. In seinem Thierbnch stellt
Wilhelm von der Normandie drei Ziegen
in roher Abbildung dar. Die eine weidet

einen Busch ab, die andere hält Ausschau,
die dritte, den rückwärts nahenden Jäger
bemerkend, schickt sich zum rettenden
Sprung in die Tiefe an. So steht es,
sagen Ihnen die Schriftsteller jener Zeit,
mit dem Gerechten auf Erden. Wie diese
wilde Gais hat er zu seiner Vertheidignng
gegen die Unbilden der Menschen und den
Ansturm der Versuchung zwei starke
Waffen: die zwei Testamente mit ihren
Lehren und Verheißungen und die Erfül-
lung des zweifachen Gesetzes der Gottes-
und der Nächstenliebe?) Von dem hohen
Alter dieses Ziegeumythns zeugen Bilder
in den römischen Katakomben, welche
Ziegen im Augenblick ihres Sprunges
darstellen. (Wäre die Gais auf unserm
Fries auch in diesem Akte abgebildet,
welcher ebenso die nahe Gefahr wie Ret-
tung anzeigt, dann wäre noch mehr er-
laubt, an Luk. 12, 32: „Fürchte dich
nicht, du kleine Herde" zu denken. Oder
würden Sie lieber in diesem gefährlichen
und zugleich rettenden Absprung eine Ein-
ladung sehen zum „Einspringen" aus der
gefahrdrohenden Welt in die schützende
Umfriedung des Klosters? Doch wir
haben Deutungen und Bedeutungen genug,
werden Sie sagen; wir brauchen zu keiner
zu greifen, die weniger begründet wäre.)
Sind nun die letztgenannten Vergleichungen
auch für uns Neuere wohl genießbar
(natürlich mit Ausnahme der Spitzfindig-
keit von den zwei Testamenten) — sie
sind genießbar, weil sie mehr abstrakte
Begriffe und Zustände versinnbilden wie:
Betrachtung, Beschaulichkeit, Rettung aus
Gefahr, während das frühere Gleichniß:
die Ziege als Bild Gottes des Vaters
und des Sohnes eine konkrete, das nüch-
terne moderne Empfinden geradezu vor
den Kopf stoßende Wendung nahm —
so hoffe ich Ihr Wohlgefallen erst recht
zu gewinnen durch die Erklärung des
bisher räthselhaftesten unter so vielen
Räthseln, des Franeubildes mit dein Rade:

1 ) Quod enim haec animalia ferarum
vel hominum adversitate perterrita de altis-
simis rupibus se praecipitando cornibus suis
se illaesa suscipiunt, significat, quod justique
et Deum timentes legem Dei in duobus Tes-
tamentis meditantes, et duobus praeceptis chari-
tatis eam adimplentes ab omni adversitate
illaesi custodiuntur. Rhab., de univ. Vif, 8.
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