Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 51
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theils weil dasselbe einen ganz modernen
Begriff ausdrückt, theils weil es ihn
auf besonders anschanliche Weise ausdrückt.
Sie mögen nämlick dies häßliche Gebilde
schelten wie Sie wollen: das werden Sie
mir zugeben, daß eine geschichtliche
Allegorie, welche einen allgemein bekannten
Vorgang zum Gegenstand hat, ans dem
sich eine abstrakte Wahrheit für jeder-
mann greifbar von selbst ergibt, daß,
sage ich, eine solche Allegorie auch bei
ungeschickter Ausführung weitaus den
Vorzug verdient vor einer jener nichts-
sagenden Frauenfiguren, welche die Me-
dizin, den Dampf, die Mathematik und
die vier Jahreszeiten bedeuten können —
oder auch gar nichts! (Wie find die
ehrwürdigsten Wesen: Religion, Wahr-
heit, Gerechtigkeit durch .die heutige
„Kunst" mißhandelt! Daß man sie nicht
erkennt, ist noch das weniger Anstößige!)
Von solcher Gedankenblässe ist unsere
primitive Figur nicht augesteckt! Diese,
ob sie nun allein neben dem Rade
kniet, wie hier, oder ob hinter ihr noch
der Henker mit geschwungenem Richt-
schwert steht; ob das Rad ganz oder
zersprungen oder zerstückt ist: diese stellt,
so häßlich sie ist, eine einst wegen
ihrer Schönheit, mehr noch wegen ihrer
Weisheit hochgefeierte Jungfrau dar;
es ist die in der ganzen Christenheit wohl
bekannte heilige — ungezählte Bilder
haben ihren Martertod verewigt von den
Darstellungen in den Katakomben bis ans
Dürer's Stich, den Sie als Vignette in
Knackfuß' Kunstgeschichte sehen können,
jede Hagio - und Ikonographie erzählt
Ihnen von ihr — Katharina von Ale-
xandrien ! Sobald sie das Licht des
Evangeliums erleuchtet hatte, stellte sie
ihre glänzenden Geistesgaben, ihr reiches
Wissen in den Dienst der Wahrheit: mit
solchem Erfolg, daß sie eine egyptische
Gelehrtenversammlung, vor welche ein
Befehl des Kaisers Maximin II. sie zur
Disputation verwiesen, durch die Kraft
ihrer Beweise zum Schweigen brachte.
Gereizt durch ihre fortwährenden Siege
über das Heidenthum, ließ Maximin sie
einkerkern, foltern, zum Tod durch das
Rad verurtheilen. Als dieses auf das
Gebet der Jungfrau, wie vom Blitz ge-
trosfeu, in Stücke sprang, erlitt sie den

Tod durch das Schwert. Alsbald nachher

— schon die Katakomben zeigen, wie ge-
sagt, ihr Bild — ward diese gotterlenchtete
Heldin, in welcher seltene Gelehrsamkeit
mit der Wissenschaft des Heils sich ver-
bunden wie sonst in keiner, zur Schutz-
heiligen der Schulen erkoren und seither
und immerdar als Patronin der Wissen-
schaft verehrt: nicht derjenigen, welche
aufbläht, sondern derjenigen, welche vor
Gott sich demüthigt und zu Gott führt.
In diesem Sinn haben die Hirsauer dieses
uralte Symbol, das, wie Sie sehen,
durchaus nichts Rebnsartiges hat, an
dieser Hochwarte des Thales angebracht:
zur Erbauung der Vorübergehenden, zur
Ermunterung der Lernenden, als Devise
für ihr wissenschaftliches Streben und zur
Qual der Alterthümler, die in der Mytho-
logie besser Bescheid wissen als in Butler
und in den Bollandisteu, die aber doch,
nachdem diese Allegorie nunmehr anfgehellt
ist, soviel Geschmack haben sollten, um
das Passende und Packende derselben an-
zuerkeuneu, wodurch sie die frostigen Ver-
legenheitsbilder thurmhoch überragt in
denen heutzutag der Meisel allegorische
Darstellungen der „hehren Göttin Wissen-
schaft" geschaffen zu haben meint, ohne
daß irgend jemand diese erkennt!

Lassen Sie mich diesmal mit einer
Mahnung schließen! Hüten Sie sich vor
einseitigem Klassizismus! Unter einem
glatten Aenßern verbirgt er oft nur schlecht

— gräßliche Oede. Hüten Sie sich, irgend
ein Gebild des mittelalterlichen Meisels,
und sei es auch roh und hart, zu miß-
achten, oder gar ungehört zu verdammen!
Auch ein Kieselstein ist abstoßend nnd-
hart, aber Funken sind drin und mit
einiger Mühe schlägt man sie heraus!
„Es knüpfen Kraftgedanken sich oft an
geringe Dinge" — wissen Sie wo dies
steht ? — und wie gelu n g e n knüpfen
sie sich oft daran! Davon gibt unsere
unscheinbare Skulptur ein Beispiel. Was
Bock und Gais bei Ihnen zu verderben
drohten, ich hoffe dies letztere Beispiel
hat es bei Ihnen wieder hergestellt: näm-
lich die Achtung vor unfern altväterischen
Kunstgebilden und die Neigung sich mit
ihnen zu befassen! (Schluß folgt.)
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