Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

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das Höchste bieten und den Ruhm Al-
brecht Dürers für alle Zeiten begründet
hätten. Aehnlich spricht sich van Eye ans
(Leben und Wirken A. Dürers, Nördlingen,
Beck, S. 266): „Diese Dürerschen Werke
sind keineswegs allein wegen der Meisterschaft
der Hand, welche sie ausführte, zu bewun-
dern; sie sind in halt- und lehrreich
noch für uns und für alle Zeiten,
indem sie unvergängliche, ewig lebensvolle
Wahrheiten zur Anschauung bringen imb
diese mit einer Kraft und Fülle in Fleisch
und Blut kleiden, zu individuellem Leben ver-
dichten, wie wir es nur von einem echten
poetischen Werke verlangen."

Es ist wohl bei der Unvollkommenheit
alles inenschlichen Schaffens selbstverständlich,
daß sich unter den so zahlreichen Blättern
unseres Meisters auch einzelne finden, welche
nicht auf der vollen künstlerischen Höhe stehen,
aber nichts desto weniger ist es wahr, daß
die Dürerschen Werke ausgezeichnet sind
durch großartigen Reichthum an innerem Ge-
halt und an Formen des Allsdrucks.

Wenn mau die Tiefe der Auffassung,
welche Albrecht Dürer eigen ist, sowie die
Deutlichkeit, mit welcher er sich ausspricht,
kennen lernen will, so muß man natürlich
seine Werke einzeln genau betrachten. Seine
Natur zeigt sich in ihrer Ursprünglichkeit klarer
in den Holzschnitten, Kllpferstichen imb Hand-
zeichnungen als in den Gemälden. Letztere
sind ja Werke monumentaler Art und erfordern
demgemäß ein Emporheben der ganzen Kom-
position in ein höheres, über das gewöhn-
liche Sein erhabenes Gebiet, dem das Zufällige,
Uilwesentliche fremd ist. In ihnen tonnte
der Meister sich nicht den angeilblicklichen
Eingebungen seines lebhaften Geistes über-
lassen, währeild dies in den vorhergenannten
Werken eher gestattet sein konnte. Auch die
überaus sorgfältige Art, wie Dürer malte,
war dem entgegen.

Nehmen lvir nun als Beispiel seiner Ge-
dankentiefe eine derjenigen Kompositionen,
welche in der christlichen Kuilst zu den häu-
figsten gehören, Mariä Verkündigung (Nr. 7
des Marienlebens). H Da ist der religiöse
Gehalt jener biblischen Erzählung sichtbar
wiedergegeben. Jeder sieht, daß der Eilgel
gesandt ist (Luk. 1, 26), deiln seine Ge-
wänder flattern noch, die Flügel sind lioch
nach oben gerichtet. Er ist von Gott ge-
sandt: Gott Vater sieht ihm vom Himmel
her nach dllrch die offene Rückwand des *)

*) Derjenige, welcher dl. Dürer näher kennen
lernen will, begimlt am besten mit dem Marien-
leben. Dasselbe ist in guter Nachbildung er-
schienen bei Nikolai (A. Stricker) Berlin.

Gemaches; er trägt die Weltkugel, beim er
hat beschlossen, die Erlösung der Welt nun
vollziehen zu lassen. Der Engel ward ge-
sandt zu einer verlobten Jungfrau
(V. 27). Die Lilie, das Sinnbild der
Jungfräulichkeit, blüht noch bei ihr, aber sie
ist im heiratsfähigen Alter. Jungfräulich
züchtig senkt sie auch das Haupt vor dem
himmlischen Jüngling. Dieser grüßt sie
ehrfurchtsvoll und beugt das Knie vor ihr.
Seine Reden erregen Mariens Nachdenken
(V. 29). Auch das spricht sich in den Mienen
ihres gesenkten Antlitzes aus, aber sie erregen
auch ihre Freude: Selige Freude schimmert
auf ihrem holden Angesicht. Maria spricht:
„Siehe, ich bin die Magd des Herrn;"
denn sie hat die Hände gottergeben über die
Brnst gekreuzt. Num kommt der hl. Geist
auf sie herab, dargestellt in Gestatt einer
Taube, und Maria empfängt den Erlöser.
Wie ist uns nnn gezeigt, wen sie empfängt?
Dadurch, daß das Bild der Judith mit dem
Schwert und dem Haupt des Holofernes
unter der Decke des Gemaches angebracht
ist. Wie Judith den Holofernes tödtete und
dadurch die Israeliten rettete, so soll ja
Maria durch ihren Sohn der alten Schlange
den Kopf zertreten und die Menschheit retten.

Das Gemach, in welchem diese Begeben-
heit sich vollzieht, ist mit Sorgfalt ausge-
führt: das viereckige Betpnlt Mariä, der

Baldachin über ihrem Haupte, der den Ort,
wo sie betet, als hiezu besonders hergerichtet,
also ihre G e wo h n h ei t, hier zu beten, an-
deutet; die Treppe, welche ins Gemach führt;
ein Wandschrank mit Leuchter und Wasser-
becken; die durch die Fensterössnung sichtbare
Landschaft, alles ist deutlich und sprechend
dargestellt. Auch das hat seinen Zweck:
Es versetzt jene biblische Begebenheit in die
Wirklichkeit, es gibt ihr den Charakter des
thatsächlich Geschehenen, ja es rückt sie uns
so nahe, als wenn sie jetzt vor unseren Augen
geschähe.

Hier ist also der religiöse Gehalt der bib-
lischen Erzählung vollständig ausgedrückt und
zwar mit vollendeter Klarheit und mit allem
nöthigen Detail; und trotz ihres Reichthums
macht die ganze Komposition den Eindruck
des Ungesuchten und Ungezwungenen. Ist
eine solche Darstellung nicht mustergültig?

So ließen sich viele Dürersche Kompo-
sitionen zum Beweise des oben ausgestellten
Satzes an- und ausführen. Aber diese eine
möge hier genügen. Ist es noch notwendig,
damit Darstellungen desselben Gegenstandes
aus unserer Zeit zu vergleichen? Enthalten
dieselben nicht durchgängig nur Maria, den
Engel, den hl. Geist und einige Spuren des
Gemaches, in welchem die Verkündigung vor
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