Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 54
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sich geht? Ist da der Gehalt jener bib-
lischen Erzählung erschöpft? Muß sich der
Beschaller ilicht vieles hinzu denken, lveil
der Maler ihn im Stiche gelassen hat?

Stützt sich die genailnte Darstellllng gailz
ans die hl. Schrift, so eiltnimmt Albrecht
Dürer viele der übrigen 19 der legende.
Welch ein reicher Schatz ist die Legeilde für
den Künstler, und wie feiten wird er heut-
zutage benutzt! Das gläubige Volk schätzt
ailch hellte lloch die Legenden. Daher sollten
die Maler imb Bildschnitzer diese frisch spru-
delnde Quelle nicht nilbeachtet und ilnbeilützt
lassen. Sie sollten es nicht thun in ihrem
eigeneil Jilteresse. Das Interesse der Kirche
fordert aber dasselbe. Manche Lehreil imb
Gebräuche derselben lassen sich gerade dlirch
Darstellungen ans der Legeilde dein Geist
illid Herzen einprägen, während es ans
andere Weise kaliiil möglich ist.

Auch iil dieseili Punkte sollten unsere
Künstler Albrecht Dürer folgen, ilanleiltlich
in Bilderil, welche für die Privat Aildacht
hergestellt werden, z. B. zum Schnulck der
Zimmerwände oder zlun Einlcgeil tu Gebet-
bücher. Nehmen wir auch hier ein Beispiel
allS der genannteil Reihenfolge.

Wie soll ein Maler uns darstellen, wie
ein gottesfürchtiger Christ stirbt? In der
Lr8 moriendi (15. Jahrh.) silldet sich folgende
Scene hiefür: Der Sterbende liegt auf denl
TodeSbette; zil seiner Linken zeigt ein Engel
allf eiil Ungetüm niit offenem ssiacheil — die
Holle, iil welcher mehrere Personen liegen,
von Flammen umgeben. Zll feiner Rechten
zeigt ein anderer auch ein Spruchband mit
der Devise si3 humilis. Unter dein Bette
macht sich der Teufel zu schassen, jedenfalls
tvill er den Krankeil versuchen. Die heilige
Dreifaltigkeit schwebt mit Maria in den Lüf-
ten. Ein solches Bild ist gewiß auch ver-
ständlich; aber würden von 100 Personen
ilicht 90 folgende Darstellung Dürers lieber
kaufen, lieber iil ihr Gebetbuch legen oder
iil ihrer Stlibe aufhängen: Iil einem großen
Gemach ruht unter einem Baldachiil die
sterbende Gottesnlutter auf ihrem Lager.
St. Petrus steht im bischöflichen Ornate da
ilnd besprengt sie mit Weihwasser, St. Jo-
hannes hilft ihr mit betrübter Miene die
Sterbekerze halten. Ein Apostel kniet zu
ihreil Füßen mit einem Prozessionskreuze,
einer hält den Weihkessel, ein anderer das
Rauchfaß, die übrigen beten. Die gailze
Scene athmet Ruhe uild heiligeil Frieden
und steht da wie ein Stück wirklichen Lebeils.
Ist nicht ein solches Bild eine stille Predigt
darüber, wie ein frommer Christ sterben
soll? Auf welche Weise könnte man das
etwa besser darstellen? Wie stellt man es

heutzutage dar? Man getraut sich gar nicht,
es darzustellen.

Unser Meister war aber auch ilicht iil Ver-
legenheit, weilil Bibel und Legende ihm die Er-
sindnng und Ansgestaltniig eines Bildes fast
ganz überließen. Betrachten wir z. B. seine
„ Ruhe in Aegypteil". Joseph zimmert und Ma-
ria spinnt. Welch ein nüchterner Gegenstand
und wie lebensvoll, wie herzerquickeild Dürers
Bild! Bei dem fleißigen Pflegvater, der
besorgt einen Blick allf Maria wirft, sind
viele Engeleiil damit beschäftigt, die herab-
gefallenen Holzspähne in einen Korb zll
sammeln; ein Engelknabe hat sich eine Wind-
fahne genlacht, die er dem Jesuskinde ver-
ehreil, aber zuerst erproben will. Maria ist
die selige Zufriedenheit selbst; ailch ihr leisten
Engel Gesellschaft. Im Mittelgrund dieser
reichen Gruppen erhebt sich ein stattlicher,
ruinöser Ban, daneben steht ein fließender
Brunnen, im Hintergrund liegt eine zinnen-
reiche Stadt am Berge. Selbst Gott Vater
ilnd der heilige Geist schalleil voin Himmel
herab allf ben Sohn und seine Hüter; auch
sie haben Freude daran, daß er so unter
llils gewohnt hat, ilild jeder, namentlich ein
Vater und eine Mutter müsseil an solchen
lebenswahren und gemüthvollen Bildern
Freude habeil; sie sind in Wahrheit ein
Schmuck für die Wohnstube einer christlicheil
Fanlilie.

Es soll hier nicht verschwiegen werden,
daß Albrecht Dürer in manchen seiner Dar-
stellnngeil religiösen Inhalts seiner Phantasie
die Zügel hat schießeil lassen, so daß die
Sammlung und Andacht des Beschauers
beeinträchtigt wird. Das ist z. B. oft der
Fall in seinen Randzeichnnugen zniil Gebet-
buch Kaiser Maximilians I Hieher rechnen
wir nicht die auf den ersten Blick nur humo-
ristisch anssehenden Zeichnungen des Arztes,
Storches und Fuchses; in ihnen kann man
leicht eineil tieferen, ernst religiösen Sinn
finden. Der leidende Arzt nämlich, welcher
mit höchst bedenklicher Miene das Glas be-
trachtet, zu dessen Hänpten ein erdrosselter
Vogel hängt, ist eine sprechende Illustration
zu dem nebenstehenden Gebet: „Erkenntnis
seiner eigenen Gebrechlichkeit."

(Fortsetzung folgt.)

Die Altäre der Heiligkreuzkirche zu
Rottweil a. N.

Bon Repetent Schnell in Rvttiveil.

Zu deil schönsten und interessantesten Got-
teshäusern Württembergs gehört unstreitig
die Heiligkreuzkirche der früheren freieil Reichs-
stadt und jetzigen Oberamtsstadt Rottweil
a. N. So wie dieser Bau sich uns jetzt
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