Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 59
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allerdings in noch höherem Grade ans sich
ansströmen läßt, wie überwältigend muß
dann der Eindruck gewesen sein, als er
noch neu, als dieser geistigste Bantheil so-
eben erblüht war!

Jetzt endlich, nachdem er den Fesseln
des Langhauses sich entrafft — oder ahnte
er baldigen Winterschlaf? — trieb es den
Riesen noch einmal mit Macht in die
Höhe. Matthäus Böblinger von Eßlingen,
des großen Ulrich an Geist und Kunst
Haupterbe, baute binnen 15 Jahren das
dritte ebenso kühne als zart gegliederte
Stockwerk von dem steinernen Boden über
dem Martinsfenster bis zum Kranze.
Schon hatte er das Thnrmviereck zum
Abschluß gebracht — da plötzlich, es war
1498 (bricht der Ban unter seiner eigenen
Gewaltigkeit zusammen, oder ist ein an-
deres Unglück im Anzug?), plötzlich, mitten
im fröhlichen Schaffen, stürzen Steine
ans dem Thurmgewölbe herab und er-
füllen nicht nur die Anwesenden, sondern
auch die Bauherrn selbst mit Schrecken.
Und obwohl der alsbald berufene Burk-
hard Engelberg — Böblinger hatte näm-
lich vorgezogen, sich nach Eßlingen zurück-
zuziehen, wo er von seinen Mitbürgern
hochgeehrt 1505 starb — den baulichen
Zustand durch Unterfahren sicherte und
von den Ulmern (1494) als der Wieder-
bringer ihres Kleinods gefeiert wurde,
wirkte doch jener Stein des Anstoßes in-
sofern fort, als der Glaube an die Mög-
lichkeit eines Ansbans dadurch erschüttert
und so die Schaffensfreudigkeit gelähmt
war. Es waren, wie die Untersuchungen
des Münsterbaumeisters Beyer ergeben
haben, — jedenfalls damals schon und
als unmittelbare Veranlassung des Stein-
stnrzes aus dem Gewölbe — Setzungen
des Fundaments auf der Nordseite des
Thurms eingetreten, so daß derselbe nach
dieser Richtung etwa 10 cm (die beiden
Pfeiler der Bogenöffnung in der östlichen
Thurmwand gar 15 cm) aus der senk-
rechten Stellung gewichen. Die Unter-
fahrungen Engelbergs bestanden nun nach
Beyer darin, daß die südliche und nörd-
liche Bogenöffnung der Thnrmhalle gegen
die Seitenschiffe zu voll ausgemauert
wurde, ebenso die an den Thurm sich
anschließenden Arkaden des Mittelschiffs;
endlich wurden in der Verlängerung der

östlichen Thurmwand starke Mauern quer
in die Seitenschiffe eingebaut. Welch tüch-
tiger Techniker dieser Engelberg gewesen,
beweist auch die von ihm ebenfalls zur
Minderung des Schubes und Druckes der
Massen ohne alle Störung der Harmonie
vorgenommene Teilung der Seitenschiffe.

Doch hätten „die merklich Brüch, me
dem Thurm an U. L. F. Pfarrkirchen zu-
gestanden", wie es in dem Hilsegesuch der
Ulmer an ihre Eßlinger Freunde heißt,
für sich allein die Einstellung der Arbeiten
nicht zur Folge gehabt; auch hätten die
Verwicklungen mit Bayern und die ge-
steigerten Anforderungen an das Gemein-
wesen nicht gehindert, wenigstens einiger-
maßen ein Unternehmen zu fördern, auf
dessen Gelingen die Reichsstadt wie ans
Einen Wurf Ehre und Geld gesetzt, wenn
nicht ein ganz anderer Bruch und Riß,
der damals seine Schatten schon vorans-
warf, die bisher zum großen Zweck ge-
einten Geister anseinandergetrieben und so
den wahren nervus rerum entzweige-
schnitten hätte. Ob freilich ein Weiterbau
damals nicht von der in Ulm früher als
in Augsburg und Nürnberg (schon seit
1500) eingedrungenen Renaissance ange-
steckt worden wäre; ob nicht am Ende
in Folge des veränderten Knnstgeschmacks
unser schöner Mnnsterthnrm (schrecklich zu
denken!) die Zwittergestalt des Heilbronner
Kiliansthnrmö sich hätte gefallen lassen
müssen, mag dahingestellt bleiben.

Im Jahre 1513 versuchte die träge
Masse unter dem Ballier Aeltlin zum
letzenmal aufzusteigen, blieb aber in dem
Rumpf des Achtecks stecken, über welchen
1519 der letzte Kirchenmeister Winkler
zum Verschluß gegen Wind und Wetter,
aber keineswegs als gefälligen Abschluß
fürs Auge, das spitze Nothdach stülpte.
Damit war die positive Reihe der Hervor-
bringnngen an diesem Werke völlig ge-
endet, und es begann nicht lange darnach
die negative der Zerstörungen, die über
dasselbe ergingen. Die neue Bewegung
warf die etlichen 60 Altäre sammt den
Statuen von den Pfeilern als ärgerliches
Götzengeräthe fort, riß die große Orgel
mittels vorgespannter Pferde auseinander
und schlug, damit ja das neue Licht in
vollen Strömen Hereinbreche, die prächtigen
Glasgemälde ans das sorgfältigste hinaus.
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