Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 60
DOI Heft: 10.11588/diglit.15907.39
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15907.40
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15907.41
DOI Seite: 10.11588/diglit.15907#0071
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1890/0071
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
60

Dieser „Reinigung" vom Jahre 1531
setzte endlich das Jahr 1817 die Krone
aus, indem es in der besten Absicht zu
verschönern, die gemäldegeschmückten Wände
von unten bis oben „mit einer angenehmen
alterthümlich grauen Farbe überzog, alles
geschmackvoll und für das Auge gefällig".
(Schluß folgt.)

Albrecht Dürer,

ein Vorbild für unsere Zeit.

Von Stadtpfarrer Fuhrmans in Geislingen.

(Fortsetzung.)

Der Storch ferner, welcher sich unter
dem mit frommer Andacht psallirenden König
David auS Leibeskräften anstrengt, seinen
Kopf in den Nacken zu legen und auch gen
Himmel zu schauen, dürfte deutlich anzeigcn,
daß es bei Gebet und Psalmengesang nicht
so sehr ans die äußere Haltung, als ans die
Stimmung des Herzens ankommt. Der
Fuchö endlich, welcher unter der Bitte des
Vaterunser: „Führe uns nickt in Ver-
suchung" angebracht ist, die Flöte blasend
und schlau beobachtend, wie Hennen und
Hahn schon herbeikommen, ist gewiß ein
gutes Bild des Versuchers. Hingegen wenn
Albrecht Dürer nur eine Manneö-Fratze mit
dem zierlichsten Liniengekrans umgeben in
einem Gebetbnche anbringt, so ist das sinn-
los; oder wenn er neben den: tiefernsten
Bußpsalm Miserere oben ein löwenartiges Un-
gethüm, links die verschiedensten Musikinstru-
mente, nuten eine Fratze mit den: gransesten
Liniengeschnörkel, rechts aber zwei Putten dar-
stellt, welche eine phantastische Säule mit einem
Teufel in eine Basis einlassen wollen, so ist
das durchaus unpassend und verwerflich.
Ueberhanpt ist Dürer bei diesen Naudzeich-
nnngen der religiöse Geist allmählich aus-
gegangen. Etwa ein Viertel derselben ist
rein weltlicher Art, also da nicht an seinem
Platze. Ein Beweis, wie selbst ein großer
Künstler ohne stete Selbstzucht in die Irre
geht. Trotz solcher Ausschreitungen legt aber
auch dieses Werk unseres Meisters Zeugniß
ab für seinen tiefen Geist, sein reiches Ge-
müt und seine unerschöpfliche Phantasie. *)

Nach diesen Ausführungen, die sich nur
ans einige wenige Bilder Albrecht Dürers
stützen, dürfte es schon klar sein, daß un-
sere gegenwärtige Kunst, was den
Innern Gehalt ihrer Erzeugnisse angeht, sich

*) Die besprochenen Nandzeichnungen mit
zugehörendem Text sind in Faesimile herausge-
geben von der Stagmeyerschen Verlagsbuchhand-
lung in München (ohne Druckjahr).

mit der des Genannten nicht vergleichen kann.
Es ist heutzutage wieder einmal soweit ge-
kommen, daß eine Klasse von Malern offen
und nngescheut den Grundsatz verkündet, es
komme überhaupt nicht darauf an, was
man male, nur daS Wie sei zu berücksich-
tigen. In dieser Hinsicht sei erinnert an
Lessings, im Archiv 1889 S. 108 schon
citirte, höchst beachtenswerthe Worte.

Es ist offenbar, daß ein Gemälde um
so höher steht, je mehr es im Stande ist,
ans die geistigen Fähigkeiten des Beschauers
einzuwirken, je mehr es seinen Geist anregt
und befriedigt, je mächtiger es sein Gemüt
anspricht und einnimmt. Keine Art der
Malerei steht daher höher als die religiöse
Historie, weil keine nach den genannten
Rücksichten höheres leisten kann. Daß aber
Maler, welche dem Grundsätze huldigen, es
sei gleichgiltig, was man male, keine wirklich
religiösen Gemälde liefern, ist selbstverständ-
lich ; ihnen kann ja an dem religiösen Ge-
halt ihrer Vorwürfe nichts gelegen sein.

Wie wenig denn auch heutzutage gewisse
Maler in den religiösen Gehalt des Gegen-
standes, den sie sich zur Darstellung wählen,
eindringen, dafür nur einige Belege. Sie-
miradzki betitelt ein Gemälde „Christus bei
Maria und Martha", führt uns aber nur
den Besuch eines Inden bei zwei Jüdinnen
vor Augen, ohne uns auch nur ahnen zu
lassen, daß es sich uin etwas Religiöses
handelt. Kann man die Oberflächlichkeit
weiter treiben?

Joseph Block hatte die vorjährige Mün-
chener Jahresausstellnng mit einer „Bath-
seba" beschickt. Diese war allerdings ans
dem Bilde zu sehen und zwar in möglichst
unpassender Lage nach dem Bade, aber von
David keine Spur, von der ganzen Historie
keine Andeutung. Und das soll Historien-
malerei sein! Die Zahl dieser ganz unb
gar oberflächlich anfgefaßten Bilder ließe
sich leicht vermehren; selbst namhafte Hi-
storienmaler sind in diesem Punkte nicht
immer genau. So hat z. B. Piloty seine
„klugen und thörichten Jungfrauen" auch so
dargestellt, daß das Bild keine Spur von
Religiösem zeigt; auf wen die Jungfrauen
überhaupt warten, und was von ihrem
Warten abhängt, ist durchaus unerfindlich.

Zuletzt mögen hier noch die Uhdeschen
Bilder gestreift werden, ans welchen — ab-
gesehen von allein andern — die hl. Be-
gebenheiten stets so aufgefaßt sind, als ginge
das Christentum nur die Proletarier an.

Es ließe sich eine sehr bunte Musterkarte
moderner falscher Auffassungen religiöser
Gegenstände hier vorlegen, wenn es einen
Wert hätte. Glücklicherweise ist der religiöse
loading ...