Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 63
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den Linien deS Mundes etwas GemüthlicheS,
Freundliches. Die Fassung der Bilder war
keine ganz glückliche und schon zeigen sich
starke, den Verfall ankündigende Risse in der
Grundierung.

Besser geschnitzt als diese drei Figuren
ist das Basrelief: das jüngste Gericht,
welches oberhalb des Schreines in einem
spätgothischen Bogenfeld angebracht ist und
leider wegen der Bogennasen nicht ganz ge-
sehen werden kann. Christus sitzt auf einer
Wolke, umgeben von Posaunen blasenden
Engeln, erhebt die rechte Hand segnend
gegen die Seligen und die linke abweisend
gegen die Verdammten, welche durch Teufel
in den feurigen Höllenrachen getrieben wer-
den. Das Basrelief ist ebenfalls spät-
gothisch. Auf die beiden Flügel ist die Ver-
kündigung Mariä und die Geburt Christi
gemalt. Maria kniet vor einem Tischchen,
ans dem ein aufgeschlagenes Buch liegt.
Ihr Oberkörper wendet sich nach rechts und
sie schaut sinnend vor sich hin, die linke
Hand an die Brust gelegt, mit der rechten
den Mantel fassend. Das blaue Gewand
fällt in schönen Falten nieder auf ein
rothes Kniekissen, die Haare sind aufgelöst
und fließen über beide Schultern herab.
Hinter ihr ist der Engel halb schwebend,
halb stehend. Sein Haupt ist nach links
geneigt und sein Gesicht nach rechts gewendet.
Er ist bekleidet mit rother von Goldfransen
umsäumter Dalmatik und mit orangefarbener
Albe. Die drei Finger der rechten Hand
weisen zum Himmel, mit der linken Hand
hält er das Spruchband und zwischen Zeig-
finger und Mittelfinger das Scepter, welches
vom Spruchband in ziemlich weiten Krüm-
mungen umrankt wird. In lateinischen
Majuskeln trägt das Spruchband die
Worte Ave Maria gracia plena. Auf dem
Fenstergesimse steht eine Blumenvase mit
drei Lilien und folgenden Buchstaben als
Inschrift: r.n.g.b.r.

(Fortsetzung folgt.)

Die Permanente Ausstellung von Ar-
beiten kirchlicher Aunst von A. Engler
in Stuttgart.

Von Stadtpfarrer Brinzinger in Obern-
dorf a. N.

Jin Organ der Katholiken Württembergs,
„Deutsches Volksblatt", haben wir wiederholt auf
dieses verdienstvolle Unternehmen hingewiesen,
und halten es für eine Ehrenpflicht unsres
„Archivs", das; dies anch an dieser Stelle ge-
schehe im Interesse sowohl der Meister, als anch
der Abnehmer kirchlicher Kunsterzeugnisse unsres
Landes, sowie insbesondere auch, um die Sym-

pathien der Leser des „Archivs" hierauf hinzu-
lenkcu.

Es >var im Herbst 1889, als Kaufmann
Rudolf Englcr in Stuttgart den Plan und die
Absicht kundgab, in der schwäbischen Residenz
eine permanente Ausstellung kirchlicher Arbeiten
mit Verkaufsgelegenheit errichten zu wollen. So-
wohl durch den Besuch der großen Weltausstel-
lungen in London, Paris, Wien und vieler
Landes- und Spezialausstellungen, als auch in
seiner Stellung als Beamter eines Gewcrbe-
museums fand derselbe reichlich Gelegenheit, sich
über das Ausstellungswesen, die Industrie und
deren Heimstätten eingehend zu unterrichten.
Den Nutzen sogenannter Fachausstellungen und
deren nachhaltigere Wirksamkeit hatte er ganz
richtig darin erkannt, das; Künstlern und Meistern
es ermöglicht werden sollte, in dauernder Weise
immer wieder mit neuen Proben ihrer Leistungs-
fähigkeiten hervorzntreten. Dies sollte ins Werk
gesetzt werden durch Errichtung einer permanenten
Ausstellung kirchlicher Arbeiten an einem fre-
quenten Zentralpunkt. Wohl gibt es verschiedene
permanente Kunst- und Kunstgewerbeausstellungen,
aber soweit uns bekannt gibt es eine ähnliche
alle Techniken umfassende Ausstellung für
das kirchliche Kunstgewerbe nicht. In
dieser Anwendung ist also der Gedanke des Herrn
Eugler originell und neu. Die Erwägung, das;
vieles im Lande für kirchlichen Schmuck und
Gebrauch vom Ausland bezogen wird und be-
zogen werden muß (z. B. Kirchenteppiche, Kir-
chenvasen, Heiligenbilder re.), daß ferner viele
unsrer tüchtigsten inländischen Meister des kirch-
lichen Knnstgewerbes an kleinern abgelegenen
Plätzen ansässig sind, veranlagte denselben zu der
ganz richtigen Schlußfolgerung, cs müsse sowohl
Kunstfreunden als Kuustprodnzeuten, Käufern
wie Verkäufern kirchlicher Kunstprodukte, die
Gründung einer Centrale, wo solche Arbeiten
ciugesehen, geprüft, anerkannt und verkauft
werden, nur erwünscht und willkommen sein.
Wie wir hörten, ist anfangs in den Kreisen in-
ländischer Meister diese permanente Ausstellung
da und dort etwas mißtrauisch und mit rcservirter
Kühle ausgenommen worden, aber der heutige
Stand des Unternehmens zeugt doch unzweifelhaft
für die entschiedene Berechtigung und Lebens-
fähigkeit desselben, soivie für die Thatsache, daß
dessen Grundgedanke allmählich immer mehr als
ein durchaus praktischer, gesunder und gediegener
Anerkennung findet, weshalb unsre Meister ohne
Verleugnung ihrer geschäftlichen Interessen sich
dauernd demselben kaum werden entziehen können.
Denn bekanntlich ist ja dies in erster Linie das
Ziel und der Zweck aller Knust- und Gewerbe-
ansstellungen, also anch dieser kirchlichen Kunst-
ausstellung, gerade die künstlerischen und
gewerblichen Interessen zu heben, zu för-
dern und zu unterstützen.

Eine Ausstellung von Arbeiten kirchlicher
Kunst hat aber noch eine zweite weitere Aufgabe
zu erfüllen. Nicht allein dem gewerblichen In-
teresse, sondern auch den Anforderungen der
kirchlichen Liturgie soll und muß sie ge-
recht werden.

In der Erkenntnis, das; ans diesem Gebiet
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