Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 66
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legt durch einen etwaigen Hinweis auf
die Chorthürme, die ja auch ohne Vorlage
stilgerecht ausgebaut wurden. Diese sind
im Vergleich zum Hanptthnrm doch nur
Beiwerk, wenn auch nothwendiges Beiwerk,
während jener den ganzen Ban zu dem
macht, was er ist und schon von unten an
keinem andern gleich sieht. — Aber wenn
sich sogar in unserer nachahmenden Zeit
ein „rezeptives Genie" hätte finden lassen,
um aus sich in einer des ersten Meisters
würdigen Weise den pyramidalen Hanptban
zu ergänzen, so wäre es doch nicht die
Idee des ersten Meisters selbst, die hier
verkörpert vor uns stände, sondern der
Gedanke eines Spätgeborenen, dem eben
als solchem die innere Berechtigung ab-
ginge. Achtung könnte vielleicht ein Werk
dieser Art verdienen, aber Begeisterung
erwecken nimmermehr. Woher dann für
eine solche monumentale Fälschung die
nöthigen Summen nehmen? Wir sind der
Ansicht: ohne den überlieferten Plan hätte
es schwer gehalten, auch nur das Be-
stehende zu erhalten. Gleich die ersten
Wiederherstellungsarbeiten hatten den Ge-
danken der einstigen Verwirklichung des
herrlichen Entwurfs zur stillschweigenden
Voraussetzung.

Sind wir aber nicht mehr schöpferisch
in der Kunst und ist es deßhalb als be-
sonderer Glücksfall zu begrüßen, daß uns
die alte Zeit das Riesenwerk in allen
Einzelheiten, von sicherer Hand entworfen,
überliefert hat, so sind wir deßhalb in
anderem Betracht nichts weniger als ohn-
mächtig. Die Stärke unserer Handfertig-
keit steht im umgekehrten Verhältniß zu
der Stärke unserer inneren künstlerischen
Anschauung. Wir können Werke ans-
führen wie den Pariser Riesenthnrm, über
deren Kühnheit diese mittelalterlichen Meister
ebenso erstaunt gewesen wären als ver-
blüfft über deren Nüchternheit! Wenn sie
sehen könnten, wie eine Last, die unter
ihrer Bauleitung eine halbe Stunde zu
ächzen pflegte, bis sie nur in Schwebe
kam, und noch viel länger, bis sie an den
bestimmten Ort gelangte, wie jetzt eine
solche Last von einem Jungen ruhig zum
Giebel aufgezogen und ans ihrem Lager
niedergesetzt wird, so würden sie solchem
Können ihre aufrichtige Bewunderung
zollen und sich in diesem Punkte gern von

uns überwunden geben. Wäre uns,
würden sie sagen, solche technische Fertig-
keit beigestanden, dann wäre das Werk in
der Ausführung nicht zurückgeblieben. Im
ersten Anlauf der Begeisterung hätten wir
es von der Wurzel bis zum Gipfel em-
porsteigen lassen! Mit dieser mechanischen
Geschicklichkeit und Gewalt, durch deren
Hilfe wir in wenigen Jahren von dem
Leben eines Architekten Gebäude Herstellen,
an denen einstens ein Jahrhundert gebaut
hätte, waren wir sicherlich ganz besonders
zur Ausführung jener alteil Riesenent-
würfe berufen, und zwar zu reiner, stil-
gemäßer Ausführung, insofern die Schnellig-
keit eine besondere Gewähr gegen das Ein-
reißen einer neuen Geschmacksrichtung und
somit gegen Verballhornung bietet.

War ferner die Reinheit der Ausfüh-
rung wesentlich bedingt durch die Gabe,
sich in Geist und Stil der Alten hinein-
znarbeiten und hineinzuleben, so wüßte
ich wieder nicht, wem ich die Aufgabe
hätte eher anvertraut sehen mögen, als
einer Zeit, die weil sie selbst keinen Stil
hatte, auch keine Stilwnth hatte; weil sie
selber keine ausgeprägte Eigenthümlichkeit
besaß, auch nicht versucht sein konnte, ihr
Gepräge einem alten Meisterwerk aufzn-
zwingen und, weil sie ganz in Nachahm-
ung sich bewegte, wie geschaffen dazu war,
mit Selbstlosigkeit sich an das fremde
Werk so hinzugeben, als wäre es ihr
eigenes und es mit solcher Treue zu pfle-
gen, daß man meinen konnte, es habe der
Urheber Jahrhunderte hindurch sortgelebt.
Unsere künstlerische Unproduktivität war
in dieser Hinsicht sogar ein Vortheil, den
wir nicht gering anschlagen werden, wenn
wir bedenken, was die Sucht, den jeweils
herrschenden Stil schon bestehenden Kunst-
werken aufznpfropfen, häufig ans diesen
gemacht hat. Durch eine glückliche Fü-
gung ist also der Ban über die kritischen
Zeitläufe hinüber gerade in die berufensten
Hände gerathen.

Aber wer wird diese Hände zum Zweck
in Bewegung setzen? Wer wird die
Kräfte einigen, in williger Genossenschaft
sie binden? Die Religion, welche die
wirkliche Einigung der Gemüther, Ge-
danken und Bestrebungen ist, die Religion
selber war entzwei gespalten. Hätte dieser
Riß müssen erst geheilt werden, unser
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