Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 67
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Münster wäre einstweilen in Schutt und
Staub gesunken! Noch in letzter Stunde
klaffte er recht häßlich dieser Riß in dem
unerquicklichen Streit um die Krönung
der Helmspitze: als die einen die Auf-
stellung des Muttergottesbildes mit dem
Jesuskind auf diesem erhabeusteu, von
Menschenhand geschaffenen Standort unter
Berufung auf den alten Entwurf forder-
ten; die anderen hierin „eine Beleidigung
des evangelischen Bewußtseins und einen
Hohn auf den höchsten evangelischen Dom"
erblickten, als ob nicht eben das Evange-
lium uns den Heiland auf den Armen der
Jungfrau entgegeubrächte, oder als ob es
einen Sinn hätte, in Ulm dasselbe für
einen Hohn aus den Protestantismus aus-
zugebeu, was man eben damals in
Eßlingen als Zierde auf den höchsten
Giebel der protestantischen Frauenkirche
stellte und was seitdem dort steht und von
dort aus Kirche und Stadt beherrscht!
Solange man sich in solchen Streitereien
und Begriffsverwirrungen bewegte, wie
war da die zur Vollendung eines solchen
Werkes nöthige Einigung der Geister
möglich? Und doch stand dasselbe damals
hart -vor seiner Vollendung! Daß doch
noch gestritten wurde, obwohl das gemein-
same Werk sich schon dem Abschluß nahte,
beweist nur, wie tief die Kluft ist!

So muß also etwas im rechten Augen-
blick sie überbrückt haben! Was war es
denn, das die feindlichen Brüder, trotz der
tief einschneidenden Gegensätze in Denken
und Fühlen, zusammenführte? — also
daß der Protestant sich — künstlerisch
wenigstens — auf den alten Boden vor-
der Trennung zurückversetzte; der Katholik
über die augenblickliche Trennung hinweg-
sehend, gemeinsam mit dem Getrennten für
die Eine Herde der Zukunft das Haus
baute? daß das protestantische Preußen
großmüthig den Ausbau des größten ka-
tholischen Domes förderte: das katholische
Bayern die dort geleistete Hilfe durch
großartige Unterstützung unserer Münster-
baulotterie vergalt? daß Süd und Nord
ihre Gegensätze vergaßen und alle sich end-
lich als Deutsche fühlten? — Es war
das wiedergewonnene Selbstbewußtsein des
deutschen Volkes (und was damit Hand in
Hand ging) die wiedererwachte Begeisterung
für die großen Schöpfungen deutscher Ver-

gangenheit. „Das deutsche Volk (sagt
Görres), indem es auf seine eigenste Seele
sich znrückbesann, erkannte das redende
Denkmal seiner alten Ehre und die Hand-
feste (den Freibrief) seines angestammten
Adels wieder in dem Besten, was sie
(nämlich die deutsche Volksseele) hervor-
gebracht." Sobald wir wieder anfiugeu,
auf uns selbst etwas zu halten, mußten
wir nothwendig auch auf die größten Werke
unseres Volksthums wieder etwas halten.
Schönere Ehrendenkmäler, stolzere Ehren-
säulen konnten wir jedenfalls nicht er-
sinnen, als sie in unseren mittelalterlichen
Münstern, diesen bei höchster Künstlichkeit
doch so einfachen Werken, zum Himmel
ragen. Sie noch länger dein Verfall preis-
gebeu, wäre die größte Schande gewesen
und der Beweis gänzlichen Abfalls der
Enkel von der Größe der Ahnen. So
verbanden sich die wiedererblühte Ehre
unseres Volkes und die wiedererwachte
Begeisterung für unsere vaterländischen
Alterthümer zu einem mehr und mehr erstar-
kenden Triebe, mächtig genug, nicht zwar um
eine neue Kunst ins Leben zu rufen — das
wäre gar nicht angezeigt gewesen —, aber
um die schlummernde zu wecken und um
diese allerdeutschesteu Häuser, voran den
Dom von Köln und das Münster von
Ulm, die seit Jahrhunderten gleich Dorn-
röschens Palast verschollen gewesen, wieder
ans Licht zu ziehen, auszubessern, wieder-
herzustelleu und gar auszubauen. Daß
auch der wiederbelebte religiöse Sinn
als mächtiger Faktor bei diesen Bestre-
bungen mitwirkte, versteht sich von selbst.
Mit der Achtung und Pflege der Religion
mußte auch die Werthschätzung und Für-
sorge für die höchsten Denkmäler der
Religion wachsen, und umgekehrt. Das
traf besonders für jene zu, die den atteit
Glauben bewahrt hatten. Denjenigen aber,
welchen die Grundsätze, aus denen die
höchsten Meisterwerke deutscher Kunst Ur-
sprung und Nahrung gezogen, als aber-
gläubig und verwerflich galten, hatten es
doch diese katholischen Alterthümer auge-
than durch die Poesie, welche jeder Ver-
gangenheit inuewohut. Wie endlich der
politische Ausbau Deutschlands dem feiner
Münster zu gut gekommen, ist bekannt.
Die hoffnungsvolle Verheißung auf das
Kölner Dombauwerk: „Wenn die Kräfte
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