Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 68
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Deutschlands sich zur Vollendung verbinden,
dann kann gar leicht ansgeführt werden,
was Stadt und Provinz mit großer An-
strengung soweit hinanögesührt," dieses
prophetische Wort deö großen Görres hat
sich wie in Köln, so in Ulm über alle
Erwartung erfüllt.

Das Beispiel von Köln hat zuerst und,
wie der Erfolg gezeigt, auch am nach-
haltigsten in Ulm gezündet. Einige dentsch-
gesinnte, kunstverständige Männer hatten
das Feuer angefacht, schürten es durch
Wort und Schrift und trugen es, z. B.
Manch durch seine Veröffentlichungen über
Ulms Knnstleben im Mittelalter und
Häßler als unermüdlicher „Reisender für
Deutschlands größtes Hans" in die wei-
testen (und letzterer auch in die höchsten)
Kreise. Zwei Jahre nach dem Wieder-
aufleben der Kölner Banhütte im Jahre
1844 eröffnete Thrän unter den Auspizien
des damaligen Kronprinzen Karl die neue
Bauhütte mit nur zwei Steinmetzen. Ans
so kleinen Anfängen heraus erwuchs die
vorerst verzettelte, später allseitig aufge-
nommene, in der letzten Zeit sich räumlich
mehr und mehr verengende und darum
immer intensiver geförderte Bauthätigkeit
eines halben Jahrhunderts. Sie verlief
in drei Perioden, die mit dem Namen der
drei Münsterbanmeister: Thrän, Scheu
und Beyer für immer verknüpft sind. Die
erste bis 1870, welche vorherrschend (An-
fangs ausschließlich) auf städtische und
Privatbeiträge ans Ulm selbst angewiesen
war, drehte sich um die Ausbesserung der
Hanptschäden am Thurm und um Siche-
rnng der Langwände des Hochschiffs. Die
zweite Periode bis 1880 umfaßte den
Ausbau des Chorabschlnsfes und der Chor-
thürme und stützte sich, abgesehen von
den namhaften Staatsbeiträgen, auf die
Erträgnisse der Lotterie. Die dritte Pe-
riode bis 1890, welcher die Früchte der
nun auch in Norddentschland zngelassenen
Lotterie und außerdem ein Zuschuß ans
Reichsmitteln zu statten kain, krönte das
Werk durch den Ausbau des Hanptthnrms.

Daß Anfangs Lehrgeld bezahlt werden
mußte, liegt auf der Hand. Nur all-
mählig konnte man wieder auf die Spur
des guten Wegs gelangen, auf dem die
Gründer des Werks zuerst angefangen
hatten. Uebrigens hatten auch sie sich da

und dort verrechnet. So wenn sie den
Riesenthnrm nicht tief genug gründeten,
oder wenn sie den Streben des Lang-
hauses von unten an nicht die gehörige
Stärke gaben. Wenn Thräns Strebe-
bogen Anfangs zu schwach und zu flach
ausfielen, so daß sie von seinem Nach-
folger mit großer Mühe gehoben und ver-
stärkt werden wußten, so ist, will man
gegen den Meister nicht ungerecht sein,
wohl in Rechnung zu ziehen, daß die
Herstellung solcher freischwebenden Brücken
— die 20 Bögen mit einer Spannweite
von 15 m sind das riesigste Strebewerk
der Welt •— damals unter die vergessenen
Künste gehörte, so vergessen, daß sogar
E. Manch diesen Bantheil, wenn nach
dem Entwurf ansgeführt, weder als Zier-
glied noch als Tragwerk irgend etwas
gelten lassen wollte und daß andere Stim-
men alles Ernstes prophezeiten, das Ganze
des Münsters müsse drückend auf den
Beschauer wirken, wenn sämmtliche Pfeiler
des Langhauses mit Belastnngspfeilern
und von da aus gesprengten Strebebögen
versehen seien, während selbstredend das
Gegentheil der Fall ist. Das Gelungenste
leistete in dieser Hinsicht einer ans Berlin,
der diese felsenthürmende Banerei als einen
echten Streich der Schwaben geißelte, „da
man mit etwas Eisenankern denselben
Zweck viel einfacher und sicherer hätte er-
reichen können". Daß er sich selbst hie-
mit als Böotier bloßstellte, ahnte dieser
Spree-Athener nicht.

Wenn aber die „Deutsche Bauzeitnng"
gegen Thrän noch am Grabe seines Nach-
folgers den Vorwurf erhebt, unter ihm
sei „die Herstellung des Münsters planlos
und nicht ohne einen gewissen Dilettantis-
mus betrieben worden", so ist hiebei außer
Acht gelassen, daß derselbe in seinen Bewe-
gungen sehr gehemmt war. Man konnte die
Sache noch nicht in stylo majore betreiben
wie in Köln; man konnte nur sich bald
hierhin, bald dorthin wenden, jetzt an
einem gewissen Punkt anfangen und dann
schnell wieder ablassen, wie das Bedürfniß
es gab; man konnte nicht anders, so
lange man lediglich aus den Jahresbeitrag
des Stiftungsraths von 10 000 fl. ange-
wiesen war, ein Jahresbeitrag, der übri-
gens nach dreimaliger Verwendung auf die
Erneuerung des Thurmkranzes und der
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