Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 72
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entsagend eigener Meisterschaft nur sein
Gewächs gepflegt, die Triebe ihm beschnit-
ten, die Aeste eingebogen und jeden an
seiner Stelle angehestet." „Sollte Meister
Ulrich, oder wer sonst der Schöpfer dieses
wundersamen Werkes gewesen, dies wohl-
gelungene Konterfei erblicken, es wurde
ihn in innerster Seele freuen und er würde
(in dem Werke vieler Hände) seines
Geistes Kind mit froher Ueberraschnng,
wie es in ihm gelebt, ein Ebenbild ge-
wahren und den Urheber desselben mit
dem üblichen Handwerksgruße als seinen
Geistesverwandten und Freund begrüßen.
Das ist das höchste unb größte Lob, mit
dem wir unfern Landsmann ehren; der
beste Dank, dem wir ihm für das, was
er gethau und gesorgt, erkannt und ge-
bildet hat, zuzuerkennen vermögen." Wie
aber das, was jetzt steht, getreu den alten
Plan wiedergibt, so ist auch die Aussüh-
rnug bis ins Kleinste der des alten Mei-
sters ebenbürtig. Die Steinmetzarbeit reiht
sich dem Besten an, was die alte Bauhütte
geschaffen; das Material, Sandstein von
Oberkirchen in Hannover, ist weitaus
besser als jedes andere, das die Alten
hätten beischafsen können;«die Zusammen-
fügung der einzelnen mit haarscharfer
Genauigkeit gearbeiteten Stücke, namentlich
an der Pyramide, ist so ausgezeichnet, wie
sie eben nur dem überlegenen Knnstgeschick
der Neuzeit im Bunde mit den zu Köln
gemachten Erfahrungen möglich war.

Darum freuen wir uns von Herzen,
daß dies Riesenwerk, welches schon zu den
Kräften der Städter, seiner Erbauer,
nicht im Verhältnis stand, welches im
Jahre 1492 unter der Gewaltigkeit seiner
eigenen Idee einzustürzen drohte und
wenige Jahre darauf in den dreihundert-
jährigen todes ähnlichen Schlaf verfiel,
doch noch in unseren Tagen siegreich ans
Licht hervorgetreten ist! Freuen wir uns
in dankbarem Ausblick nach oben um so
mehr, als gerade die ungünstigen Ver-
hältnisse, welche nach menschlichem Er-
messen das sichere Mißlingen in Aussicht

perspektivisch gegebene Zeichnung des Plans die
genaue Bestimmung der durch sie verlangten
Höhe erschwert." Früher hatte es übrigens ge-
heißen, das Achteck werde um 2 Meter niedriger,
die Pyramide dagegen um 5 Meter höher ange-
setzt, als der Plan vorzeichne.

stellten, sich schließlich, Dank der höhern
Führung, als der sicherste, vielleicht sogar
einzige Weg erwiesen haben zum herrlicheu
Gelingeu! Glücklicherweise (so sagen wir
jetzt) konnte nach Böblingers Weggang
nicht fortgebaut werden. Glücklicherweise
hat auch der rege Baugeist, welcher an-
fangs des vorigen Jahrhunderts die groß-
artigen oberschwäbischen Kloster-Kirchen
schuf, das Münster unberührt gelassen.
Glücklicherweise hat sich sein Wiederauf-
leben so lange verzögert, daß es noch
reichlich von den Kölner Errungenschaften
und sogar von den Kräften der dortigen
Bauhütte zehren konnte. Ja das alles
enthüllt sich uns jetzt als ein Glück, was
bei seinem Eintreten nicht anders, denn
als ein Mißgeschick angesehen werden
konnte! — Hätte der Ban nicht gestockt,
wäre er jetzt verzopft! Wäre er einst
nicht abgestorben, stünde er jetzt nicht vor
uns in ewiger Jugend! So sei uns denn
das Ulmer Münster und der so langsam
und doch am schnellsten unter allen seinen
Genossen ausgewachsene Münsterthurm mit
seinen merkwürdigen Wechselsällen ein
prophetisches Zeichen, daß Gott, der keinen
Deutschen verläßt, das deutsche Volk durch
die Wellenlinie leidenschaftlicher Kämpfe
und wilder Erregungen und durch allen
Wirrwar und alle Stürme der Gegenwart
hindurch gleichwohl mit allmächtiger Vater-
hand einer höheren, gesegneteren, harmo-
nischeren Lebensstufe zuführe!

Die religiösen Bilder für die Blinder
und das L)aus.

(Fortsetzung.)

Es ist klar, daß so hohe Rechte und
Funktionen, wie sie die Kirche der bilden-
den Kunst einräumt, auch ernste Ver-
pflichtungen mit sich führen. Das
Tridentinum sagt am genannten Ort, im
Gebrauch der heiligen Bilder sei jedes aus-
gelassene Wesen (omnis lascivia) zu ver-
meiden , so daß keine Bilder mit frech-
sinnlicher Schönheit (procaci venustate)
gemalt oder geschmückt werden. Die
Weisung ist negativ und nimmt Bedacht
ans Fernhaltung alles Unheiligen und Un-
reinen. Daß nicht positive Anforderungen
gestellt werden, ist wohl berechnet und
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