Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 73
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innerlich berechtigt. Die Religion meistert
die Kirnst nicht, sie läßt derselben Freiheit
in ihrem Schaffen, — so viel Freiheit als
mit ihren Ausgaben vereinbar ist. Es ist
der Kirche auch nie eingefallen, von der
Kunst unbedingt vollkommene Leistrrngen
zu verlangen und nur künstlerisch vollendete
Bilder als religiöse anzuerkennerr und in
die Gotteshäuser zuznlassen. Sie hat zum
Teil sehr ungeübte Hände die Wände der
Katakomben bemalen lassen und hat ihre'
schüchternen Versuche, ihre mehr ange-
kritzelten als angemalten Bilder auf diesen
Wänden belassen und sich an ihnen er-
baut. Sie hat zu gewissen Zeiten und in
manchen Ländern eine Kunst mit Auf-
trägen beehrt, welche nur mit größter
Unsicherheit zu zeichnen, nur sehr un-
beholfen den Pinsel zu führen verstand
und deren Leistungen höchst primitiv waren.
Die Kirche ist auch hierin die weise,
lebensklnge und verständige Mutter, welche
die ethischen Anforderungen so wenig als
die künstlerischen überspannt, und welche
nur ein gesundes Streben nach dem
Ideal der Vollkommenheit kennt, welche
auch anfangende Gerechtigkeit als Gerech-
tigkeit, auch anfangende Kunst als Kunst
anerkennt und gelten läßt.

Was fordert die Kirche vom Künstler?
Nicht das ideal Vollkommene, aber das
Bestmögliche. Wenn er sich an reli-
giöse Bildnerei wagt, so soll er seine
künstlerische Kraft zusammennehmen und
sein Bestes leisten, eingedenk der Größe
der Aufgabe, an welche er sich wagt.
Seine künstlerische Fähigkeit aber soll die
reife Frucht seiner gewissenhaft und so gut
als möglich entwickelten Anlagen und
Gaben und einer tüchtigen Arbeit sein.
Nicht Unmögliches, nur das Bestmögliche
wird von ihm verlangt; die Kirche ist nicht
so engherzig, daß sie einen religiösen
Künstler verurtheilen oder verachten würde,
deßwegen weil er seiner Zeit, seiner Kunst
nicht voransgeeilt ist, oder weil er nicht
dem herrschenden Stil seiner Zeit sich ent-
wunden hat; sie verachtet und verwirft
nicht die eine Periode künstlerischen
Schaffens allein deßwegen, weil sie andere
Knnstanschauungen hatte als eine frühere
oder weil sie im technischen Können nied-
riger stand als eine andere. Ja sie be-
vorzugt oft aus Gründen, welche uns ver-

borgen bleiben, künstlerisch recht niedrig
stehende Gebilde, wendet ihnen eine be-
sondere Beachtung und Andacht zu und
zieht ans sie einen besonderen Segen von
oben herab. Die Kirche ist auch darin
weitherziger, als so mancher Vertreter
ihrer künstlerischen Interessen in der heu-
tigen Zeit, daß sie nie und nirgends Einen
Stil für kanonisch erklärt und die Künstler
ans ihn verpflichtet hat; sie läßt jeden
Stil gelten, der sich darüber answeist,
daß er das Heilige heilig zu behandeln
im Stande und gewillt sei.

Nebst diesem Aufgebot all seines
Könnens verlangt die Kirche vom reli-
giösen Bildner innere und äußere
U e b e r e i n st i m m u n g mit d e m G l a u-
b e n. Er muß glauben an die Geheim-
nisse, die er darstellen will, und er muß
sie in einer dem christkatholischen Glauben
entsprechenden Weise darstellen. Das
Tridentinum heißt die Bischöfe darüber
wachen, daß keine imagines falsi dogmatis,
keine Bilder, welche beim Volk irrthümliche
Vorstellungen Hervorrufen könnten, Ein-
gang in die Kirche finden. Der Künstler
ist ans Dogma, er ist ans Wort der
Schrift gebunden; er darf nicht verstoßen
gegen die historische und soteriologische
Wahrheit; er darf nicht die eine
Seite einerWahrheit, einer That-
sache in ein er Weise zur Anschau-
ung bringen, daß deren andere
Seiten negiert und abgeth an wer-
den; er darf nicht die Menschheit Jesu *
auf Kosten seiner Gottheit betonen, nicht
die natürliche Hülle eines Geheimnisses,
nicht die äußere Schale einer Thatsache
auf Kosten des übernatürlichen, inneren
Gehaltes, nicht die Poesie der Religion ans
Kosten ihres Ernstes und ihrer Majestät.
Das dagegen kann von ihm nicht verlangt
werden, was menschenunmöglich ist, daß er
gleichzeitig und in jeder einzelnen Dar-
stellung allen Seiten eines Geheimnisses
gerecht werde und alle gleich stark hervor-
hebe. Es wäre unvernünftig, von der
Kunst zu verlangen, daß sie in jedem ein-
zelnen Bild der jungfräulichen Gottes-
mutter mit gleichem Nachdruck die Jnng-
fräulichkeit und die Mutterschaft, das Glück
und das Weh dieser Mutterschaft betone,
oder von ihr zu fordern, daß sie auf Ein
gemaltes Antlitz des Herrn alle mensch-
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