Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 74
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liehen und göttlichen Charakterzüge ver-
einige, alle Menschlichkeit und Göttlichkeit,
alle Niedrigkeit und Hoheit, die in seinem
Erdenwandel ihm eigen waren, oder daß
sie in Einem Kruzifixbild sowohl die Größe
des Passionsleidens, wie die Herrlichkeit
der Erlösung und die Gottheit des Er-
lösers gleichmäßig auspräge.

Ferner macht die Kirche der Kunst zur
Pflicht eine reine A b s i ch t bei ihrem
Schassen. Jedes religiöse Bildwerk muß
iit gewissem Sinne Gnadenbild sein, eine
goldene Spitze haben, welche den Strahl
der Gnade anzieht und überleitet in den,
der mit der Spitze in Berührung kommt.

Negativ ist hiezu nothwendig Fern-
haltung alles Unreinen, Profanen, Sinn-
lichen. „Will die Kunst," sagt Schnorr
von Carolsfeld am unten citirten Orte,
„das sittliche Gebiet als Mitarbeiterin an
der Bildung des Menschen betreten, so
ziehe sie vorher ihre schmutzigen Schuhe ans,
denn da ist heiliges Land! Die Künstler
selbst verschulden meist den Verfall der
Kunst und ihre Verachtung. Mit Recht
kann mail verlangen, daß der, welcher
miterziehen will, selbst erzogen sein soll,
wer sittlich und religiös wirken will, selbst
sittlich und religiös sein soll. Alles, was
vom bildenden Einfluß der Kunst gesagt
worden, muß sich doch zuerst an ihin
selbst bewähren. Eben weil er mittheilt,
wird die Art des Mitgetheilten zeugen
von der Lauterkeit oder dem Schmutze des
* Bornes, der in seinem Herzen quillt linb
aus dem er schöpft. Und er wird in dem
erworbenen Recht, mitzuerziehen, nicht nur
eine Aufforderung fühlen, sich selbst vor
Mißbrauch seiner Kunst zu hüten, sondern
dessen Begehung von andern auch nach
Möglichkeit zu hindern. Er wird sich
gedrungen sehen, den Kleinkram der Kunst
aus ihrem Tempel hinauszuwerfen und
die Verführer sammt ihrem Opium und
ihrem Futter für die sündhafte Empfindung
des unreinen Menschen davon zu jagen.
Er wird aber auch die schlimmste der Ab-
göttereien meiden und andere davor nach
Möglichkeit behüten, die Abgötterei, die nicht
mit dem einzelnen Kunstwerk, sondern mit
der Kunst überhaupt getrieben wird, wenn
man sie an die Stelle der Religion setzt."

Nicht gefordert dagegen ist Eliminirung
der Natur, womit alle darstellende Kunst

anfhören würde, auch nicht manichäische
Unterdrückung unb Vergewaltigung der-
selben. Eine solche verträgt sich mit den Fun-
damentaldogmen des Christenthnms nicht.
Die Natur ist nicht in sich bös und schlecht;
das Christenthum geht nicht aus auf ihre
Zerstörung, sondern aus ihre Verklärung;
auch wenn die christliche Ascese die Natur
in scharfe Zucht nimmt, ist nur Reinigung
und Verklärung derselben das Ziel. Die
christliche Kunst früherer Jahrhunderte,
welche die Natur oft so mangelhaft nach-
bildet, thut dies nicht ans Feindschaft gegen
die Natur, sondern aus Unvermögen, sie
besser wiederzngeben. Grenzen sind der
Naturnachbildnng bloß gezogen durch den
übernatürlichen Endzweck der christlichen
Kunst, dem jene iu allweg dienend sich
unterwerfen müsse. Damit ist gegeben die
Nothwendigkeit einer Reinigung und Jdeali-
sirung der Naturformen; sie dürfen nicht
in ihrer schweren materiellen Körperlichkeit
herübergenommen werden, so daß sie die
Idee, den übernatürlichen Sinn erdrücken
und ersticken; sie müssen zur zarten Hülle
gestaltet werden, durch welche überall das
Geistige, Göttliche, Übernatürliche dnrch-
scheinen kann.

Als letztes Moment ist hervorzuhebeu,
daß die Kirche ihre Kunst, wie ihre Wissen-
schaft, auch auf die Tradition ver-
pflichtet, um sie dadurch vor falschem Sub-
jektivismus zu bewahren.x) Imagines i n-
solitae, Bilder, welche vom kirchlichen
Herkommen auffällig abweichen, sollen nach
der Vorschrift des Tridentinums ohne
spezielle Erlaubniß des Bischofs nicht in
Kirchen aufgestellt werden. Urban VIII.
hat 1643 strengstens eingeschärft, daß für
religiöse Bilder überall und ausnahmslos
der kirchlich hergebrachte Typus eiugehalteu
werde. Eine Kölner Synode von 1662
schreibt dasselbe vor.* 2) Die Entwicklungs-
geschichte der christlichen Kunst von ihren
ersten Anfängen an bis heute stellt keine
Komödie von Irrungen, keine willkürlich
lange Zahlenreihe von unvollkommenen
Versuchen dar; hier ist Zusammenhang,
hier sind Entwicklungsgesetze, hier sind
fertige Resultate. Und das Kunstbestreben
der Kirche hat, wiewohl es erst mit dem

*) Siche Thalhofer, Handbuch der katho-
lischen Liturgik I, 458.

2) A. a. O. S. 327.
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