Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

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Ende ihres Erdenwallens znm Abschluß
kommt, doch für die heiligen Darstellungen
allmählich feste Typen geschaffen, die für
den einzelnen Künstler bindend sind, denen
die größten Meister der Kunst sich an-
beqnemt haben, nicht zu ihrem Schaden.
Denn diese Typen sind keine starr gegossenen,
welche alles subjektive Denken und Erfinden
ausschließen, wie dies in der byzantinisch-
griechischen Malerei der Fall ist; es sind keine
Schablonen, durch welche das künstlerische
Schaffen und Komponiren in Erstarrung
gebracht wird, sondern Normen, welche
für die Hauptanffassnng die Einheitlichkeit,
für die Durchführung und das Accidentelle
die Freiheit wahren. (Fortsetzung folgt.)

Albrecht Dürer,

ein Vorbild für unsere Zeit.

Voll Stadtpfarrer Fuhrmans in Geislinaen.

(Fortsetzung.)

2.

Was ist nun von der Darstelluugs art
Albrecht Dürers zu sagen? Ihm ist die
Natur, die Wirklichkeit Führerin und Lehrerin.
Er sucht die Formen, welche er vorsindet,
zu erfassen, uachzubilden, mit Geist und
Leben zu erfüllen, nub zwar hat er den
Grundsatz, sich die für seinen jedesmaligen
Zweck passendsten Formen auszuwählen. Er
ist also Realist, Realist im guten Sinne.
Dieser Realismus bewahrt dem Künstler
einen Boden, auf dem er sicher steht und
sicher wirken kann; er ist nicht in Gefahr,
leeren Hirngespinsten nachzulanfen, Formen
zu bilden, welche nicht einmal Leben, geschweige
Geist verratheu. Das wirkliche, gesunde,
kräftig pnlsirende Leben erregt ferner stets
unsere Aufmerksamkeit und unsere Freude.
Begebenheiten der hl. Geschichte von Albrecht
Dürer dargestellt, erhalten — wie schon er-
wähnt — den Charakter wirklicher Geschichte,
so daß wir innerlich au denselben theilnehmen,
empfinden, was die dargestellteu Personen
empfinden und alles miterleben. Sie er-
reichen also vollauf ihren Zweck. Fest auf
diesem Boden der Wirklichkeit stehend, strebt
unser Meister auch mit Erfolg nach dem
Idealen, indem er den besten Bildungen,
welche die Wirklichkeit bietet, ihre Zufällig-
keiten abstreift und das Wesentliche, der Idee
Entsprechende, in vollkommener Klarheit,
Stärke und Bedeutung hervorzuhebeu sucht.

Vergleichen wir die Körperformen
Albrecht Dürers mit denen feines Vorgängers
Martin Schongauer, so bestehen die des

letzteren fast nur ans Knochen, Muskeln und
Haut, während die Dürer'scheu nicht so
fleischlos, aber auch nicht fleischig sind. Bei
ihm ist der Leib die Hülle der Seele, die
ihn durchlebt, durchwirkt und beherrscht. Auch
was die Gesichtsformen und -Züge angeht,
hält sich Dürer mehr an die Wirklichkeit als
Schongauer; er verwendet in seinen Passionen
nicht mehr die fratzenhaften Gestalten Schon-
gauers, sondern Menschen, wie sie vorzu-
kommen pflegen. Auch die hl. Personen
stehen in ihrer Gesichtsbildung der Wirklich-
keit nahe, aber der Ausdruck ihrer Züge ist
ein tief innerlicher, sprechender, oft überaus
ergreifender, wie z. B. bei dem Christus am
Oelberg (Kupferstich, Bartsch 4), der in
höchster Todesnoth zu feinem himmlischen
Vater schreiend die Hände emporstreckt. Hierin
hat Dürer Schongauer übertroffen, aber die
überaus edlen Züge, sowie den Schimmer
überirdischer Reinheit und Hoheit, welche
dieser den Gesichtern seiner hl. Personen oft
zu geben weiß, hat Dürer nicht mehr erreicht.

Die Umgebung der hl. Gestalten
ist bei Dürer auch stets der Wirklichkeit
uachgebildet. Er liebt es, wo möglich, eine
großartige Landschaft vorzuführen, die in
der Regel echt deutsch und mittelalterlich
ausgestattet ist. Da sehen wir Berge mit
Städten und Schlössern, das von Schissen
belebte Meer; hier den dunklen Wald, dort
eine Trift mit grasenden Schafen; am
Himmel ruhen oder ziehen die Wolken, eine
Schaar Schwalben kommt daher, oder an-
dere Vögel flattern in der Luft. All die
vorkommenden Formen sind der Wirklichkeit
entnommen, sie passen zu einander, sie ver-
leihen der ganzen Darstellung eindringende >-■
Wahrheit und Ueberzengnugökrast.

Das bloße Nachbildeu der Natur ist
nun noch keine Kunst, sondern das selbst-
ständige V e rw e r t h e u derselben zur
A u s g e st a l t u u g von S ch ö p s u n g e u
des eigenen Geistes. Dieses letztere
war eben eine Hauptstärke Albrecht Dürers
und drückt- seinen Leistungen den Stempel
der höchsten Eigenart auf. Er nahm die
Formen, welche ihm die Wirklichkeit bot mit
einer an die weibliche Natur erinnernden
Zartheit des Empfindens in sich auf, dnrch-
drang sie aber mit männlichem Geiste, hauchte
ihnen viel mehr Leben ein, als die Na-
tnr ihnen gegeben und schaltete mit ihnen
nach seinen Plänen. Nicht die einzelnen
Dürer'schen Gestalten und Formen sind
nachzuahmen, aber seine Auffassung und
Verwerthung der Natur verdient zum Vor-
bild genommen zu werden.

Die Dürer'schen Formen sind vor allem
nicht kleinlich, nicht weichlich nub süßlich, wie
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