Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 78
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Beimischung von Lehm und Sand, oder
anderer Mineralien im Boden, in welchem
sie wurzelt, kann ihren Lebenskräften eine
eigene Quelle der Erhaltung und des
Wachsthnms bieten. Aehnlich nun kann
auch das geistige Leben erhalten und ge-
fördert werden. Die vielen geringeren
Verwaltungen der Gnade, welche uns klein-
lich und von sehr untergeordneter Wich-
tigkeit scheinen, haben in ihm ihren Werth
itub ihre Wirkungen, welche jetzt unserer
Kenntniß entgehen, aber eines Tags in
ihrem wahren Lichte erscheinen werden."
Das darf man wohl auch bezüglich der
religiösen Bilder im Auge behalten. Der
Einfluß derselben entzieht sich zwar der
genauen Kontrole, doch nicht aller Wahr-
nehmung und Beobachtung.

Dogma und Sittenlehre, heilige Schrift
und Predigt, Liturgie und Andachtsübung,
betrachtendes und mündliches Gebet, kurz
das ganze christliche Leben führt jeden
Christen mit innerer Nothwendigkeit dazu,
daß er, entsprechend seiner sinnlich-geistigen
Natur, sich in seiner Seele ein leibhaftiges
Bild, eine konkrete Vorstellung von der
Person Jesu, von Gott, von der heiligsten
Jungfrau, von den Thatsachen unserer
Erlösung forme und entwerfe; Glaube und
Phantasie zeichnen und malen ihm diese
Bilder. Gewiß sind diese Jdeenbilder nichts
Gleichgültiges oder Unwesentliches im
ganzen geistigen und christlichen Leben des
einzelnen; auch hier hängt das Bild aitfs
engste zusammen mit der Bildung, mit der
christlichen Ans- und Durchbildung des
einzelnen; es ist der Exponent derselben,
es wirkt auf sie wieder zurück; es model-
lirt sich um so lebenswahrer heraus, je
Heller die Glanbenserkenntniß wird, je
reicher die innere Erfahrung; es schwebt
der betenden und betrachtenden Seele vor;
es bildet das Altarbild im innern Sank-
tuarium; je mehr Denken, Wollen, Thun
und Beten Eins wird, um so mehr sind
diese heiligen Bilder die unzertrennlichen
Begleiter der Seele. Nun ist unzweifel-
haft, daß religiöse Darstellungen aus die
Art und Gestaltung dieser Jnnenbilder,
die jeder Christ in seiner Seele birgt, in
der Regel, namentlich beim Volk und Kind,
großen Einfluß üben werden; von da wer-
den Züge, Farben und Formen in die
Jdeenbilder herüberkommen. Damit ist

guten Bildern eine reiche Gelegenheit
erschlossen, segensreich zu wirken, schlechten
eine verderbliche Möglichkeit, viel gu
schaden. Fromme, dem Glauben ganz
konforme religiöse Darstellungen werden
in den Geist und in die Seele von Hun-
derten übergehen, werden ihren Glaubens-
darstellnngen zu Kristallisationspnnkten
und Haltpnnkten dienen, werden dem
innern Gottesdienst und der Andacht zur
Förderung gereichen; schlechte, unwahre,
dem Glauben widerstreitende werden nur
zu leicht das Glanbensbewnßtsein trüben
und verderben, die Andacht ankränkeln
und schädigen. Man erwäge diesen Punkt,
wie seine Wichtigkeit es verdient, und man
wird nicht mehr geneigt sein, die Frage
der religiösen Bilder für Kind und Haus
zu leicht nehmen.

Wir nehmen hier mit wahrer Freude
einige Sätze aus den überaus schönen und
verständigen Anöführnngen des Prote-
stanten Schnorr von Earolsfeld in
seinen Betrachtungen über den Berns und
die Mittel der bildenden Künste auf (Ein-
leitung zu seiner Bilderbibel, Leipzig,
Wiegand). „Am deutlichsten," sagt er,
„erkennen wir die Anlage zum Verständniß
der Kunst am Kinde. Dieses versteht die
Sprache derselben in seinem rein natür-
lichen Zustand besser, als so viele, welche
zwar herangewachsen, aber wenigstens nach
dieser Seite hin ungebildet sind. Das
Kind betrachtet seine Bilder ohne jene
Mäckeleien, durch die der trocken gewordene
Verstandsmensch sich selbst die Freude an
denselben verkümmert. Die Bilder sind
ihm Gedanken, die sich ihm verständlich
mittheilen, die es zur Theilnahme, zur
Mitwirkung anregen und es beleben. Die
Wirkung der Kunst ans das Kind ist eine
unermeßliche und beginnt ihre erziehende
Kraft zu üben, ehe Mittheilnngen durch
Vermittlung einer andern Sprache auch
nur möglich sind. ... Es handelt sich hier
um wirkliche Aneignung einer dem Kind
gleichsam leihweise gewährten Begabung,
die Sprache der Kunst zu verstehen, wie
manche schöne Gottesgabe in der Art eines
edlen Instinkts den armen Menschen zur
Aushilfe gewährt ist und nur kraft eines
bewußten Verlangens und Ansstreckens der
Hände nach oben als wirkliches Eigen-
thum erworben werden kann. Unter den
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