Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 79
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mancherlei Pflegerinnen und Erzieherinnen
der sich entwickelnden Menschheit gebührt
der Kunst gewiß auch eine Stelle."

Welche Bedeutung kommt insbesondere
noch den christlichen Bildern für die Wohn-
und Schlafzimmer der Familie zu! Wie
vererbt sich mit ihnen und einer halbwegs
normalen und geordneten Familie das ganze
häusliche Leben mit seinen fröhlichen und
trüben Stunden! Das Kruzifix, die Hei-
ligenbilder an der Wand stellen den Haus-
altar dar für das gemeinsame Familien-
gebet; sie sind die ersten Hilfsmittel für die
religiöse Instruktion der Kinder; von ihnen
liest das Auge des erst halbbewußten
Kindes die ersten Ahnungen des Göttlichen
ab; sie sind die Hüter und Wächter der
Hausordnung und der Hauszucht; sie
weihen die Freude, sie halten aufrecht im
Unglück, sie trösten in Noth. Wie ganz
anders aber wird nach allen diesen Seiten
hin ein Bild wirken, wenn es seiner hohen
Bestimmung entspricht, als wenn es ein
heiliges Objekt nur karrikiert wiedergibt
und dem Spott näher liegt als der Andacht.

Welche stille Predigten hält ein wür-
diges Krnzifixbild im Kreise einer Familie,
deren Herzen noch christlich empfinden;
wie ernst schaut es herein in Glück und
Freude, wie mildtröstlich ins Unglück der
Familie; das edle Madonnenbild ist das
Idealbild der Mutterliebe und Mutter-
sorge, ein Hort der Keuschheit, reiner Ge-
danken und Empfindungen; die Heiligen
in ihrer majestätischen Haltung erscheinen
wie Gäste der Familie aus einer andern
und bessern Welt; dort das Bild des
Kreuzträgers kann kein Glied der Familie
ohne ernste Gedanken betrachten; es hing
über dem Bett des Vaters und war ihm
Trost, Predigt, Vorbild bis zu seinem se-
ligen Hinscheiden; und diese Grablegung
hier? ach sie ist so recht ein kostbares
Familienstück geworden, nachdem wieder und
wieder in Thränen das Auge der Eltern
auf ihr geruht, die kurz nach einander
mehrere Kinder verloren. An diesem Bilde
des barmherzigen Samariters wurde den
Kindern gelehrt, was Mitleid und Erbarmen
ist, und an jene Darstellung der hl. Eli-
sabeth knüpft sich eine Reihe von Wohl-
thaten gegen Arme und Kranke an, die
ohne sie nicht, oder nicht in so reiner
Absicht gespendet worden wären.

Nein, denket nicht gering von den reli-
giösen Bildern an den Wänden des Wohn-
hauses; ihr kennet ihre Geschichte nicht;
ihr wisset nicht, wie innig sie mit der
ganzen Familie verwachsen sind, in welch in-
niger Beziehung sie zu wichtigen Vorkomm-
nissen im Familienkreis stehen, welch ehr-
würdige Patina von Erfahrungen sich auf
sie gelegt hat, wie sie sich schon als Ve-
hikel und Medien der Gnade, im eigent-
lichen Sinne als Gnadenbilder bewährt
haben. Der Knltnrhistoriker aber mag zu
berechnen suchen, in welchem Grade wahr-
haft gute und schöne Bilder den künst-
lerischen Sinn einer Familie, des Volkes
anregen, hegen und nähren; er wird hier
allein noch, nachdem die moderne Kunst
der Volksseele sich entfremdet hat, frische
und starke Wurzeln der Kunst im Boden
des Volkslebens finden. (Schluß folgt.)

Der Birsauer Bilderfries.

Von Stadtpfarrer Eugen Keppler iu
Freudenftadt.

Siebenter und letzter Brief.

Wenn ich diesmal länger als gewöhn-
lich mit der Antwort gezögert, so geschah
es gewiß nicht aus Verlegenheit — meine
Fäden waren ja gesponnen und brauchten
nur noch in einen Knoten verschlungen zu
werden —, vielmehr um Ihnen Gelegen-
heit zu geben, die Einwände selbst noch
einmal reiflich zu überlegen, mit denen
Sie mein Gespinnst durchschnitten zu haben
meinten. Haben Sie dieses inzwischen
gethan, so sind Sie hoffentlich selbst dar-
aus gekommen, daß das Messer in Ihrer
Hand ohne Heft und ohne Klinge war.
Nun zu Ihren Behauptungen! — Zwar
geben Sie zu, daß meine Erklärung inso-
fern sachlicher sei als die früheren, weil
sie auf die Quellen zurückgehe, atls denen
die Hirsauer selber geschöpft. Aber an-
statt hieraus den Schluß zu ziehen, daß
folglich was ich sage wahr oder doch unter
den gegebenen Umständen noch am an-
nehmbarsten sei, ziehen Sie das mit der
einen Hand Eingeräumte sogleich mit der
andern weg mit dem Bemerken: „So
mannigfaltig, vieldeutig und mitunter sich
gar widersprechend sei der von mir festge-
stellte Sinn — was ich gelegentlich selbst
eingestehe, trotzdem ich diese Sinnbilder
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