Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 83
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halbe Million betragen. Nun ragt er in
bester Lage, nahe der Vorstadt Heslach und
ihrer romanischen Kirche, so stattlich ans,
daß nicht bloß Uebelwollenden, sondern selbst
manchen Gutgesinnten die Anlage fast zn
großartig erscheinen wollte. Wenn man aber
die Veranlagung auf 60—70 Kranke für zn
hoch gegriffen ansah, so haben schon die
ersten Wochen nach der Eröffnung das Irr-
tümliche dieser Auffassung nachgewiesen und
eher die Furcht künftigen Platzmangels nahe-
gelegt. Wenn somit an den Dimensionen
nichts reduzirt werden konnte, so wäre nur
noch möglich, die künstlerische Haltung und
Gestaltung des Baues zu bemängeln. Aber
dahin lautende kritische Stimmen müssen
verstummen angesichts der Thatsache, die
kein verständig und gewissenhaft Prüfender
in Abrede ziehen wird, daß nirgends am
Bau oder im Bau Luxus getrieben ist.
Hoffentlich belegt man nicht schon die kunst-
gerechte Veranlagung desselben mit diesem
Namen. Wir sind zum Glück doch allmäh-
lich so weit, daß inan selbst bei einem Pri-
vathaus aus allen künstlerischen Charakter
nicht mehr verzichten möchte. Hier wird
man das Streben nach einem solchen umso
weniger tadeln dürfen, als es überall sich
innerhalb der festen Linien der Zweckmäßig-
keit und des Bedürfnisses hält, sich nirgends
vordrängt und nirgends in Effekthascherei
und Ornamentenverschwendung umschlägt.
Die Zweckmäßigkeit war hier Grundgesetz
und oberste Banherrin; wenn bei völliger
Unterordnung unter sie noch ein völlig künst-
lerisches Architekturbild zu Stande kam, so
hat sich darin die Meisterschaft des Archi-
tekten, des Professors Reinhardt in Stutt-
gart, erprobt. In der That verleihen die
strengen Formen der deutschen Frührenaissance,
der Verzicht auf alle entbehrliche Dekoration,
die mächtige, übrigens auch in erster Linie
durch das Bedürfniß bedingte Gliederung
dem Bau eine imponirende Monumentalität
und eine architektonische Stimmung, die mit
seinem Zwecke in vollem Einklang steht; er
macht einen ernsten Eindruck, aber er ent-
spricht deßwegen besser der christlichen An-
schauung von Schmerz und Krankheit, als
manche moderne Krankenhausbauten, die mit
ihrem leichtfertigen Dekorationsspiel die Ma-
jestät des Schmerzes und Leidens beleidigen.
Daß die beiden Flankenbauten sich hinten
ins Oktogon bilden, ist ebenfalls nicht etwa
eine originelle Idee des Architekten, welche
Erhöhung des malerischen Eindrucks bezweckt,
sondern führt sich ans ärztliche Zweckmäßig-
keitsgründe zurück, welche oktogone Kranken-
säle statt quadratischer empfehlen. Vom
Mittelbau läuft nach dem Garten hin die

(leider kleine und der Sakristei entbehrende)
Kapelle aus, mit runder Altarabsis; es ent-
spricht durchaus dem Bedürfniß, daß die
Empore an den beiden Seiten sich bis zum
Chörchen fortsetzt und daß die Kapelle von
zwei Stockwerken aus zugänglich ist. In
die Chornische malte Professor Kolb den
Heiland als Zuflucht der Kranken. Das
Altärchen ist klein und nur mit einem Ta-
bernakel ausgestattet. Als Altarbild dient
eine große marmorne Pieta von Bildhauer
Kopf in Rom, ein bedeutendes Werk, nur
in Folge der für den Platz nicht günstigen
Anlage und Dimensionen nicht ganz richtig
postiert. Wir sehen davon ab, von dem
Bau eine Detailbeschreibung oder Abbildung
geben, weil jeder von der Vorderansicht
wenigstens sich ans wohlfeile Weise und zu-
gleich durch ein gutes Werk ein Bild ver-
schaffen kann, dadurch nämlich, daß er von
der letzten, eben ausgeschriebenen Ziehung
zu Gunsten des Krankenhauses sich ein Loos
um 1 M. erwirbt.

Dagegen geben wir auf der Beilage ein
Abbild der über dem Portal postierten mehr
als lebensgroßen steinernen Madonna, welche
eine gewiß edle und rührende Stiftung des
Vereins für Förderung der Kunst in Stutt-
gart ist. Die Statue ist das Werk des
Bildhauers Rösch in (Stuttgart. Zu loben
ist an ihr, daß die modern-realistische Be-
Handlung ;u ihrem Recht zn kommen weiß,
ohne daß der traditionelle Typus verletzt
oder verleugnet wird. Die mit ziemlich
starken Gewandmassen arbeitende Drapierung
ist reich darauf bedacht, der Figur die für
ihre Größe und ihren Standort nöthige
Breiteentsaltnng zn geben. Die Haltung
ist würdig und verbindet glücklich Bewegtheit
mit Ruhe. Hoher Ernst thront ans dem
Antlitz der Madonna; wenn in der Abbil-
dung ein etwas ältlicher, knmmerhafter Zug
sich beimischt, so entspricht das der Wirklich-
keit nicht, sondern es ist eine mißliche
Schattenbeigabe der photographischen Auf-
nahme. Auch das heilige Kind zeigt ans
seinem kleinen Antlitz ernste Hoheit; es schaut
weit hinaus ins Land und segnet mit hoch
erhobener Hand. Rur eine zarte und
liebliche Geste mildert etwas die feierliche
und majestätische Haltung beider; die Mutter
hält das andere Aermchen des Kindes und
drückt cs sanft und innig an ihre Brust.
Maria trägt eine Krone; der ans vergoldeter
Bronce hergestellte Heiligenschein über ihrem
und des Kindes Haupt fehlt auf der Copie,
welche nach dem Modell gefertigt werden
mußte. Die schöne Gabe des interkonfessio-
nellen Kunstvereius, der unter dem Protek-
torat des Prinzen Weimar steht, gereicht dem
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