Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

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Haus und der ganzen Umgegend zur Zierde;
nach ihr erhielt das Krankenhaus den Namen
Marienspital. Möge die herrliche Statue
der heiligen Mutter mit dem göttlichen Kind
viele leiblich und geistig Kranke und Hilfs-
bedürftige nach der Quelle wahren Heiles
itub Trostes weisen!

Albrecht Dürer,

ein Vorbild für unsere Zeit.

Bon Stadtpfarrer Fuhrmans in Geislingen.

(Schluß.)

3.

Es ist vielleicht ausgefallen, daß die bis-
her angestellten Untersuchungen über das
künstlerische Schaffen Albrecht Dürers sich
nur auf seine Kunstwerke und nicht auf
seine Schriften stützten. Der Grund
liegt darin, daß seine Schriften — wenigstens
soweit sie bis jetzt veröffentlicht sind *) —
eine einheitliche, feste Anschauung über Kunst
und künstlerisches Wirken nicht enthalten. In
denselben ist eine hohe Verehrung der alt-
griechischen Kunst ausgesprochen, die jeden-
falls weit mehr aus der Begeisterung der
humanistischen Kreise jener Zeit, in welcher
Dürer viel verkehrte, als aus genauer Kennt-
niß jener Kunst hervorgieng. Der Meister
sagt einmal:

„Plinius schreibt, daß die alten Maler und
Bildhauer, als Apclles, Protogencs und die
anderen gar kunstvoll beschrieben haben, tvie man
ein wohlgestaltetes Gliedermaß der Menschen
machen soll. Nun ist es wohl möglich, daß
solche edle Bücher im Anfänge der Kirche unter-
drückt und ausgetilgt tvorden seien um der Ab-
götterei willen. . . Sollte dem also gewesen
sein, und wäre ich zu derselben Zeit zugegen
gewesen, so hätte ich gesprochen: O lieben heiligen
Herren und Väter, um der Bösen willen wollet
die edle erfundene Kunst, die da durch große
Mühe und Arbeit zusammengebracht ist, nicht so
jämmerlich unterdrücken und gar tobten, denn die
Kunst ist groß und schwer und >vir mögen und wollen
sie lieber mit großen Ehren in das Lob Gottes
wenden; denn in gleicher Weise tvie sie die
schönste Gestalt eines Menschen ihrem Abgotte
Apollo zugemessen haben, also wollen wir dieselben
Maße brauchen zu Christo dem Herrn, der der
schönste aller Welt ist; und wie sie Venns als
das schönste Weib gebildet haben, also wollen
wir dieselbe zierliche Gestalt in keuscher Weise
beilegen der allerreinsten Jungfrau Maria, der
Mutter Gottes; und aus dem Herkules wollen

*) Außer der Proportionslehre, welche oft
gedruckt ist und viele theoretische Bemerkungen
über Kunst u. dergl. enthält, wären hier besonders
zu berücksichtigen ein Folioband von Dürers Hand
auf der Stadtbibliothek zu Nürnberg, einer in der
Kgl. Bibliothek zu Dresden und vier Bände in
der Bibliothek des britischen Museums zu London.

wir den Samson machen, desgleichen wollen wir
mit den andern allen thun." (Thausing a. a. O.
S. 519.)

Diese alte verlorene Kunst ist nun nach
Dürers Ansicht wieder erweckt worden durch
die „Wälschen" in der Renaissance, der er
auch viel Beifall zollt. Insbesondere wollte
er ausdrücklich, wie er Willibald Pirkheimer
schrieb, in der Vorrede seiner Proportions-
lehre, die er selbst nicht mehr herausgeben
konnte, hervorgehoben wissen, „daß er die
Wälschen sehr lobe in ihren nackten Bildern
ilnd zumal in der Perspektive". Die Schön-
heit begrifflich ;u bestimmen, will Albrecht
Dürer nicht wagen.

„Die Schönheit, was das ist, weiß ich nicht,
wietvohl sie vielen Dingen anhängt. Wollen wir
sie in unser Werk bringen, so kommt uns das
gar schwer an; müssen das weit zusammentragcu
und sonderlich in der menschlichen Gestalt durch
alle Gliedmaßen vorn und hinten. Man durch-
sucht oft zwei- oder dreihundert Menschen, daß
mau kaum eines oder zwei schöner Dinge an
ihnen findet, die zu brauchen sind. Darum thut
es uoth, so du ein gutes Bild machen willst,
daß du von etlichen das Haupt nehmest, von
andern die Brust, Arme, Beine, Hände und
Füßeu. s. w." (Jahrb. f. Kunstwissenschaft I, 8—9.)

Wie er hier empfiehlt, das Bild eines
Meitschen nach bem Leben zu machen, so
räth er überhaupt der Natur zu folgen, „der
rechten natürlichen Eigenschaft fleißig anzu-
hangen" und „der Natur nichts abzubrechen
und ihr ttichts Unerträgliches aufzulegen".
Er will dantit sagen, daß „man nichts Un-
mögliches mache, das die Natur nicht leiden
kann". (Proportionsl. III. Fol. T. II h I n.
ib.) Von dem Künstler verlatigk er, er solle
die Natur fleißig anseheu, sich ihre Formen
und wie sich das Leben in denselben aus-
drückt, genau einprägen, so daß sie ein
„heimlicher Schatz seines Herzens" werden;
bessere Formen, als Gott seinen Geschöpfen
verliehen, könne er doch nicht erfinden. Wer
es soweit gebracht, daß er neue Kreaturen
schaffen kann aus dem „heimlichen Schatz
seines Herzens", der „hat gut machen, denn
er geußt genugsam heraus, was er lauge
Zeit von außen hineingesammelt hat, — aber
gar wenige kommen zu diesem Verständnisse"
(Proportionsl. in Fol. T. mb- Zahn, Dürers
Kunstlehre 1888).

Albrecht Dürer dachte gering von sich
und hatte einen großartigen Wissenstrieb.
„Ich selbst schätze meine Kunst ganz klein,
denn ich weiß, was Mangels ich habe; darum
unternehme cs ein Jeglicher, solchen meinen
Mangel zu bessern nach seinem Vermögen.
Wollte Gott, wenn's möglich wäre, daß ich
der künftigen Meister Werke und Künste
jetzt sehen könnte, deren, die noch nicht
geboren sind!" Er hatte eine hohe Meinung
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