Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 85
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von der deutschen Malerei, aber die genaue
Kenntniß der menschlichen Proportionen und
der Perspektive fehle ihr noch. Er ist über-
zeugt, daß die Malerei „mit der Zeit wie
vor Alters ihre Vollkommenheit erlangen
könne, denn offenbar ist, daß die deutschen
Maler mit ihrer Hand und im Gebrauch
der Farben nicht wenig geschickt sind, wie-
wohl sie bisher an der Kunst der Messung,
auch Perspektive und anderen dergleichen
Mangel gehabt haben, darum wohl zu hoffen,
wo sie die auch erlangen, und also den Brauch
und die Kunst mit einander überkommen, sie
mit der Zeit keiner andern Nation den Preis
vor ihnen lassen werden." (Widmung der
Proportionsl. an Pirkheimer).

Dürer hat ja nicht Unrecht, wenn er der
deutschen Malerei mangelhafte Kenntnis der
menschlichen Gestalt und der Perspektive
vorwirft, aber er übersah, daß sie noch ju
seiner Zeit etwas viel Wichtigeres besaß,
was sie durch den Geist der Renaissance
verlieren mußte und auch verloren hat: die
religiöse Tiefe und Innigkeit. Trotz jener
Mängel hatte sie herrlich geblüht, ohne letztere
Eigenschaften mußte sie dahinsiechen. Wenn
die deutsche Malerei nur in jenen Rücksichten
von der italienischen Renaissance gelernt
hätte, so wäre das gewiß von Vortheil
gewesen; aber sie nahm die junge, fremde
Schwester als Herrin in ihr deutsches Haus
und kam so in eine falsche Bahn.

Die Kunstwerke Albrecht Dürers, welche
noch der mittelalterlichen Richtung angehören,
sind demnach weit geeigneter, den Kunst-
jünger und -Freund mit dein Geist der
Dürerschen Kunst bekannt zu machen, als
seine Kunstschriften. Seine Kunstwerke
heimeln uns an, fesseln unfern Blick, er-
freuen uns bis auf den tiefsten Grund
unserer Seele; sie liegen unserer Art näher
als die Werke eines Rafael, wenn letztere
auch an geläuterter formeller Schönheit höher
stehen. Von Dürers Werken müssen wir
sagen: Das ist nur Geist von unserm Geiste.
Er ist ein echt deutscher Künstler, und wenn
auch die katholische Kirche keine Landesgrenzen
kennt, und auch die christliche Kunst nicht
an solche gebunden ist, so redet doch jedes
Volk seine besondere Sprache und jedem
entspricht auch eine besondere Kunstsprache.
Unsere deutsche Kunstsprache spricht Albrecht
Dürer in seinen religiösen Darstellungen:
seine Schönheit ist mehr eine innere als
eine äußere, formale, oft nur eine innere;
sein Geist dringt tief in den Gehalt seiner
Vorwürfe ein; sein reiches Gemüt spricht sich
überall aus; das deutsche Haus mit seinen
Gemächern, seinem trauten Familienleben;
die Freude an der Natur, an Berg und

Meer, Wald und Wiese, kurz was des
gläubigen Deutschen Herz anzieht, das zeigen
seine Bilder. Er spricht unsere Eigenart
klar und fesselnd aus. Darum ist es natur-
gemäß, daß sich heutzutage die Vorliebe
unserer Gebildeten ihm besonders znwendet.

■ Es liegt darin ein Zeichen innerer Gesundung.
Möchte denn sein Geist, wie er sich in seinen
echt religiösen Werken ausspricht, viele fesseln
und erfüllen; möchte seine tiefe Auffassung
und seine klare, ergreifende Formensprache
ihnen zeigen, wonach sie zu streben haben.
Wenn sie ihn: folgen, werden sie gewiß von
unserm Volke verstanden und gewürdigt, und
es kann wieder eine Blüte der Malerei bei
uns eintreten, die ihren Gehalt schöpft aus
dem Jungbrunnen echt religiösen Glaubens
und Lebens und sich kleidet in die Formen
unserer deutschen Anschauung, die uns von
Kindheit an bekannt und theuer sind.

Die Altäre der Heiliakreuzkirche zu
Rottweil a rt.

Von Repetent Schnell in Rottweil.

(Fortsetzung.)

Deil Hintergrund bildet eine ideale Ge-
birgslandschaft mit Schlössern und Wäldern,
in der goldenen Lllft ist das Brustbild
von Gott Vater, von welchem Strahlen uitb
der hl. Geist ausgehen. Dilrch Ueberma-
lung ist es schwer gemacht worden, von der
Farbengebuilg aus auf den Autor des Ge-
mäldes zu schließen. Ebenso verhält es sich
mit den: Gemälde ans dem Flügel der
Epistelseite, welches die Gebilrt Christi dar-
stellt. Maria kniet in einem mit weiten
Fenster- und Thüröffnungen ausgestatteten
Gebäude, in langen! blauem Kleide und
blauem Mantel, man muß fast sagen „in
der Luft" da. Vor ihr liegt auf dem
Saume des Mantels, welcher ein Bündel
Heu bedeckt, das nackte Jesuskindlein, den
Zeigefinger der linken Hand im Munde.
Rechts von ihr steht Joseph in rothein Ge-
wände mit dunkelgrünen! Kragen, eine Kerze
in der Linken haltend und mit der Rechten
auf einen Stab gestützt. Sein Gesicht ist
umrahmt von grauem Vollbart und zeigt
einen sinnenden ruhigen Ansdruck. Unter
der Thüre steht ein Hirte mit gefalteten
Händen. Durch die Fensteröffnungen er-
blickt man die hügeligen Fluren Bethlehems
mit drei Burgen und einem See, welcher
von drei Bergen umsäumt ist. In der
„goldenen" Lust sind drei Engel, ein Buch
haltend, zu welchen zwei Hirten hinauf sehen.
Drei Hirten sind theilnahmslos. Die Farben-
gebung ist ganz die gleiche wie auf dem
obengenannten Bilde und ist namentlich das
Gewand Marias mit stumpfem Blau über-
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