Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 91
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schon lithographische Abbildungen x) er-
schienen sind, die immerhin erkennen ließen,
daß hier nicht Skulpturen von gewöhn-
lichem Schlag vorliegen. Es bestehen
aber in Rottweil noch zwei weitere
Skulpturen vom gleichen Ort und mit den
zuerst besprochenen zusammengehörig, die
Dursch in seinem Katalog mit den Num-
mern 140 und 146 Lezeichnete. Der
Photograph, der zu größerer Sicherheit um
Auskunft ersucht wurde, bestätigte, daß
„diese zwei letzteren Stücke gleich groß
seien, wie die Nummern 6 und 8 des
Katalogs und jedenfalls auch mit ihnen
zusammengehört haben". Auf der so er-
weiterten Basis kann sich nun auch die
Beurtheilung mit größerer Sicherheit be-
wegen.

Wir halten diese vier Statuen im
Einklang mit Dursch für so bedeutende
Erzeugnisse der mittelalterlichen Kunst in
unserer Gegend, daß uns eine weitere
Besprechung ganz gerechtfertigt erscheint,
und setzen hier die Abbildungen der beiden
Statuen bei.

Es befanden sich somit ursprünglich vier-
sichtlich zusammengehörige Skulpturen in
der Pfarrkirche zu Eriskirch, die alle über-
einstinnnen:

1) in der Bekleidung mit dem eigen-
thümlichen Schleier, der kein Wittwen-
nnd Matronenschleier ist. Genau der
gleiche Schleier kommt an dem bekannten

0 Veröffentlichungen des Ulmer Vereins 1849,
Blatt 2. Sie sind hier mit den Nummern 10
und 11 bezeichnet, bei der andern Aufstellung
in Rottweil erhielten sie die Nummern 6 und 8
des Katalogs.

Jmhofschen Altarbilde vor, die Krönung
der seligsten Jungfrau darstellend, das in
neuester Zeit durch Münzenberger auch
im Lichtdruck veröffentlicht worden ist
(VII. Heft der mittelalterlichen Altäre
Deutschlands).

2) Alle vier stimmen sodann überein in
dem flüssigen Faltenwurf der
Mäntel, der sich von der gebrochenen,
eckigen, knitterigen Draperie der zweiten
Hälfte des 15. Jahrhunderts auf den
ersten Blick unterscheidet. Die eckigen
Falten sind nach Waagen (Handbuch der
Geschichte der Malerei X. S. 85 und 99)
eilte Eigentümlichkeit zunächst des Jan
van Eyk, die sich nach Deutschland erst
in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts
verbreitete. Die Kölner Schule (ca. 1400),
deren Stil aber nach Sighart (Geschichte
der bildenden Künste in Bayern II. S.
567) zu jener Zeit auch in Franken und
Bayern und Schwaben bestand, liebte den
flüssigen, in rundlichen Linien sich bewe-
genden Faltenwurf und dabei eine Behand-
lung des Gewandsanmes, die vielfach in
einer Spirallinie verlief. Wir können
hiebei ans die Geschichte der deutschen
Kunst von Lübke verweisen, speziell ans
einige Abbildungen in Lichtdruck, z. B.
S. 385 (a. 1420) S. 387, 388, 393,
sowie ans die Apostelsignren am Jmhof-
schen Altar in Nürnberg. Drei von den
vier Statuen von Eriskirch zeigen, mehr
oder minder reich entwickelt, die gleiche
Behandlung des Gewandsanmes. Aber
noch mehr: zwei Madonnenstatnen, die sich
heute noch innerhalb der Kirche daselbst
befinden, haben genau den gleichen unge-
brochenen Faltenwurf und die gleiche
spiralige Behandlung des Saumes. Herr
Professor Keppler (Württ. kirchl. Knnst-
alterthümer S. 336) charatterisirt die-
selben kurz und treffend mit den Worten:
„An der Wand des Schiffes frühgothische
Madonna, sehr schön; an der Chorwand
eine Madonna ca. 14. Jahrhundert; gute
Gewandung." Es waren somit ursprüng-
lich in dem Eriskircher Gotteshaus sechs
Statuen vorhanden, welche sämtlich die
gleiche Stilisirung haben und die, auch
nach Kepplers Urtheil, ans die Zeit von
ca. 1400 Hinweisen.

Eine neu anfblühende Malerschnle in
Schwaben (Beuron), die bemüht ist, an
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