Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 95
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nur einer bemalt und zwar mit dem Wappen
der Herren von Stain (Rechtenstein).

Aber nicht bloß das Chorgewölbe zeigte
die in der gothischen Zeit übliche Ausstattung
mit Blumen- und Rankwerken; als man au
den Seitenwänden den rohen Mörtel ab-
schlug, kamen auch hier Gemälde zum Vor-
schein und hier fand sich auch zweimal das
Jahr der Bemalung, nämlich 1492 ange-
schrieben. Die eine Inschrift, deren Abbil-
dung oben zu sehen, gibt über der Jahrzahl
ein Meisterzeichen auf einem Schild, nebst
einem Spruchband mit dem Namen des
Erbauers des Chores: Haus bürer vou blo-
biren (Blaubeuren). (Forts, folgt.)

Die Altäre der Heiligkreuzkirche zu
Rottweil a. N.

Bon Repetent Schnell in Rottweil.

(Fortsetzung.)

Durch die Fensteröffnung sieht man eine
sehr hübsche Landschaft mit blauem Himmel
und duftiger Luft. Links eine Felspartie;
durch einen Wiesengrund schlängelt sich ein
Pfad hin einem See entlang, in welchem auf
kleiner buschiger Insel zwei Häuser stehen.

Die letzte Scene endlich befindet sich auf
dem Fliigel an der Wand der Epistelseite
lind dieselbe stellt das Martyrium des hl.
Bartholomäus dar. Die Legende sagt näm-
lich: „König Polemius entsagte nach seiner
Taufe der Herrschaft und wurde ein Schüler
des Apostels. Dann versammelten sich alle
Priester der Tempel und kamen zu Ast ra-
tz es, dem König, dem Bruder des Polemius,
und klagten über den Verlust der Götter
und über die Täuschung des Königs durch
Zauberei. Astrageö, der König, wurde un-
willig und bestimmte tausend Bewaffnete
zur Gefangennahme des Apostels und gab
den Befehl, ihn mit Stöcken zu schlageil und
lebendig abzuhäuten." Gerade dieser grau-
same Akt ist in treuestem Naturalismus auf
dem Bilde dargestellt. Der König Astrages,
welcher im Gegensatz zu seinem Brllder
noch einen Schnurrbart trägt, gibt in gold-
brokatuem Mantel mit dem Scepter in der
Haild den Befehl, beit Heiligeil zu schinden.
Bartholomäus ist mit einem Stricke um den
Leib auf einen Schrägen angebuilden. Zwei
Henker, vou beneit der eine rechts von
seinem Haripte, der andere links von seinen
Füßen steht, schälen mit Messeril die Haut
vom rechten Ober- uild linken Unterarm.
Der Gesichtsallsdruck des einen Schinders
zeigt innere Theilnahme, während der an-
dere kaltblütig ein Stück Hailt in die Höhe
hält. Dieser trägt ein kurzes, grünes

Wams mit Schlitz-Pfaliseil an Achsel unb
Ellenbogen und einen orangefarbigen Schurz
unter den Unterleib geschlungen, sowie rothe,
eng allliegende Hosen. Jul Hintergründe,
neben deill König, steht ein abscheulicher
Kerl ulit tellflischem Gesicht, welcher dem
König Rath ertheilt.

Im Hintergrund ist eine Landschaft, welche
recht duslig unb anziehend ist, so daß
von ihr aus schon aus Michael Wohlgemuth
als Autor geschlossen werden köiliite. Allch
möchte für ihn oder seine Werkstatt sprechen
die flache Modellilmug der Gesichter, Hände
uild Füße, welche scharf coutourirt sind, die
oberflächliche Geziertheit des Frauentypus,
sowie ein theilweise an die Niederländer
erinnernder Realismus der Mäilnergestalteu.
Adern, Muskeln, Quetschfalten fiitb bei ver-
schiedenen Figuren angegeben, aber doch geht
die Naturschilderung nicht tief.

Gegen Wohlgeiillith spricht die Farben-
gebung in der Gewandung. Alls alleil vier
Bildern finden wir keinen blalieil Toil, die
Luft in der Laildschaft abgerechnet, sondern
reichlich rosa unb grün, jedoch immer ab-
getönt , ferner orange und grauweiß. Der
Fleischton ist nicht röthlich und mit feinem
Grau abschattirt, wie bei Wohlgeuluth, son-
dern gelblich-weiß mit braunem Schatten.
Die Tracht ist entschieden eine andere als auf
Wohlgemuths Bildern, eS ist jene aus deul An-
faug des 16. Jahrhuilderts. Da Wohlgeiillith
schon iul Jahre 1434 geboren ist und viel-
seitig beschäftigt war, so koililte er nicht
daran deilkeu, alle Arbeiten selbst auszu-
führeu, vielmehr orbitete er das einzelne an
uild überließ die Ausführung mehr oder
iiliilder begabteil Gehilfen.

Auf diesem Altäre steht auf der Mensa
eine kleine spätgothische Statuette: St. Vitus
im Kessel. Es ist ein nacktes Figürcheu mit
freundlichem Kindesgesicht, welches von dich-
ten Locken umrahmt ist. Ferner stehen auf-
der Mensa zwei schöne, gothische Eugels-
figuren, prächtig drapiert, in zierlicher Hal-
tung; es sind Leuchterträger, dllrch Heideloff
nebst noch vier auderil gekauft in Nürnberg um
55 sl. Das Vergolden derselbeil kostete
78 sl. Dieser Altar gehört 31t den herr-
lichsten und werthvollsteil der Heiligkreuz-
kirche.

5. Der H er z-I esu - Altar.

Auf einer Predella mit geometrischer
gothischer Ornamentik seheil wir in kräftiger
gethischer Umrahmung ein circa 10 Fuß
hohes uild 5 Fuß breites Oelgemälde.
Christus auf Wolken stehend, die Häilde
allsgebreitet, mit deul Embleme des göttlichen
Herzens auf der Brust. Einige Verzeich-
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