Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 99
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nicht mit einem Kreuz beladen, sondern
eine Menge von Kreuzchen tragend, die
wie Spielzeuge anssehen. Eine große
Rolle spielt dann das Christkind, während
die Gestalt des Heilands in seinem Wirken
und Leiden sichtlich und geflissentlich fern-
gehalten wird. Das Christkind springt
herbei und hebt die am Boden liegende
Taube auf, deren Flügel von einem Pfeil
durchbohrt ist; oder es kniet da und ätzt
mit einem Löffel kleine Vögel in einem
Neste. Besonders stark sind zwei Dar-
stellungen, oder besser Parodien des Ge-
heimnisses der Jncarnation und der Eu-
charistie. Ein vortrefflich gezeichnetes
Bild zeigt das Jesuskind auf einem Heu-
wägelchen sitzend, welches von einem Lamm
gezogen wird; das Christkind hält das
Leitseil und hat zur Geisel einen Kreuz-
stab; die Schabracke des Lammes zeigt den
Namenszug Mariens, der auch am Himmel
in den Mond eingezeichnet ist; hinter dem
Wagen zieht eine Engelgruppe mit dem
Christbaum einher; der Zug hält an
einem Hans, zu dessen Fenstercheu ein
Kopf herausschaut. Das heißt denn das
hochheilige Mysterium vollends zum Kin-
derspiel machen; Karl Poellath in Schro-
benhausen aber ist von der Komposition
so entzückt, daß er sie in ziemlich schlech-
tem Farbendruck nachmacht. Das Ge-
heimniß der wahren Gegenwart Jesu im
heiligsten Sakrament wird zur Anschauung
gebracht durch einen Kelch, dessen Deckel
aufspringt und aus welchem das Jesus-
kind herausschlüpft; die Unterschrift be-
sagt: oui, je crois; Jesus est reellement
present dans Peucharistie! Eine solche
Darstellung ist eher geeignet, den Glauben
auszutreiben. Aehnlich sind die zum
Theil auch von Deutschen nachgemachten
Bilder, auf welchen das Christkind aus
einem kleinen Tabernakel herauskommt, in
welchen seine Figur bloß zusammengekauert
hineingedacht werden kann.

Es ist nicht nötig, weiter ins Einzelne
einzugehen. Das Charakteristische dieser
Bilder liegt in einem widerliehen Sub-
jektivismus, in einem krankhaften Gefühls-
kult, in einem Neologismus, der grund-
sätzlich den alten Typen christlicher Kunst
aus dem Weg geht und das Christenthum
moderuisiren will, in einer Schwächlichkeit
der Gedanken und Empfindungen, welche

ängstlich dem Ernst des Christenthums
ausweicht und vom Christenthum nur soviel
sich zu eigen macht, als sie in einem Ge-
fühldbrei auszuweicheu und aufzulösen ver-
mag. Sie sind das Produkt einer falschen
Frömmigkeit, die keine gesunde Kost, bloß
noch rassinirte Speisen zu ertragen ver-
mag; oder vielmehr, richtiger gesagt, sie
sind eine Spekulation aus eine solche
Frömmigkeit und züchten die Bacillen der-
selben künstlich. Man denke nicht zu
mild von diesen Machwerken und man
schlage ihre schädlichen Wirkungen nicht
zu gering au. Hier trifft voll zu das
Wort Göthe's:

„Dummes Zeug kann man viel sprechen, auch
viel schreiben,

Es wird nicht viel schaden, tvird alles beim
Alten bleiben;

Dummes aber vvr Angen gestellt,

Hat ein magisch Recht;

Weil es die Sinne gefesselt hält,

Bleibt der Geist ein Knecht."

Wir schließen uns ganz Hetlinger
an, der in der Linzer Quartalschrift 1889,
Heft II, S. 316 schreibt: „Wir können
nicht umhin, den Handel mit französischen
Bildern, der ganz Deutschland über-
schwemmt, tief zu beklagen und im Namen
des guten Geschmacks sowohl, wie der
ächten Frömmigkeit und der katholischen
Andacht uns energisch dagegen auszu-
sprechen und aus Abhilfe zu dringen. Es
ist Pflicht der kirchlichen Behörden und
Seelsorger, ihr Volk zu bewahren vor
Bildern, deren süßliches Wesen, neue,
zum Theil die Sinne reizende Symbolik,
sowie weichlicher Ausdruck ganz geeignet
sind, den ächten katholischen Sinn zu
fälschen und den Ernst des christlicheir
Lebens zu verflachen. Was das Konzil
von Trient 3ess. XXV. de invoc. Sanc-
torum gebietet, darf tiicht länger ver-
nachlässigt werden." Daun fügt er bei, ihm
sei ein solches Bilderhandelgeschäft in Paris
bekannt, dessen sich die Juden bemächtigt
haben wegen der Rentabilität. Bereits
habe ein Bischof in Norddeutschlaud diesem
Unwesen seine Aufmerksamkeit zugewendet,
„möge der gesammte deutsche und öster-
reichische Klerus seinem Beispiel folgen".
Mögen besonders auch die Oberinnen,
Superioren und Spirituale von Frauen-
klöstern und Kongregationen hierin ihre
Pflicht thun und bedenken, daß sich der
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