Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

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Geist ihrer Häuser durch Förderung solcher
Bilder kein gutes Zeugnis allsstellt.
(Fortsetzung folgt.)

St. Georg

in Legende unb bildender Kunst.

Von Pfarrer Detzel in St. Christina-
Ravensburg.

Als einer der gefeiertsten Blutzeugen des
Herrn gilt scholl seit den ältesten christlichen
Zeiten in der Kirche sowohl des Morgen-
als Abendlaildes der hl. M ar t yr er G e o r g.
Die Griechen nennen ihn den „Erzmar-
tyrer" (megalomart)'r) und schon Konstantin
der Große soll dem Heiligen eine Kirche an
der Stelle errichtet haben, wo vorher ein
Heratempel gestanden hatte, aitch führen die
griechischen Menäen auf denselben Kaiser die
Erbauung der Georgenkirche in Tiospolis
in Palästina/) das feinen Leichnam besitzen
will, zurück.2) Nach Butler 3) standen ehe-
mals sogar 5 bis 6 Kirchen seines Namens
in Konstantinopel, wovon eine an ein zur Seite
der Propontiö gelegenes Kloster stieß, wes-
halb der Hcllespont oder die Meerenge der
Dardanellen beit Namen „Arm des heiligen
Georg" bekam; selbst einem ganzen Lande
(Georgien) gab er seinen Namen. Die
Siege sodann, welche die Kreuzfahrer unter
Anrufung seines Namens errangen, ver-
mehrten noch seine Berühmtheit auch im
Abendlande. Kirchen und Klöster, Altäre
und Statuen, Gemälde und Lieder verherr-
lichen von jetzt an seinen Namen vom
äußersten Norden bis zum tiefsten Süden
im ganzen Umfange der christlichen Welt.
Er gilt im ganzen Mittelalter als das Vor-
bild aller Ritterlichkeit, und mit Vorliebe
stellten sich die ritterlichen Genossenschaften
unter seinen Schutz und benannten sich nach
seinem Namen. Unter den 13 ritterlichen
Orden, die seinen Namen trugen, wurde
am berühmtesten der bayerische St. Georgen-
orden, welcher bis auf die Zeiten der Kreuz-
züge zurückreicht und im Jahre 1729 er-
neuert wurde; er verpflichtet seine Mitglie-
der zur Vertheidigung der Lehre von der
unbefleckten Empfängniß Mariä. Auch der
höchste englische Orden, der von Eduard III.
im Jahre 1330 errichtete Orden des Hosen-
bandes, der, den König mitgerechnet, atts
25 Rittern besteht, ist unter seinen Schutz
gestellt. Ueberhaupt ist der Heilige in England
schon von Alters her besonders verehrt: schon

st Das Biblische Lydda, Apostelgesch. 9, 32.

2) Vergl. Papebroch in den Acta Sanc-
torum, April, tom. III, 109.

3) Leben der Väter und Märtyrer re. V. 254. \

unter ihren normannischen Königen verehrten
die Einwohner dieses Landes ihn als Schutz-
heiligen int Kriege, und das Feldgeschrei
der Engländer war Jahrhunderte hindurch:
England and St. George! Eine National-
synode ztt Oxford bestimmte im Jahre 1222,
daß sein Fest in ganz England als Feiertag
gehalten werde.

Es möchte nun aber eigenthümlich Vor-
kommen, daß bei all dieser großen und ur-
alten Verehrung unseres Heiligen doch so
wenig Sicheres über sein Leben bekannt ist,
so daß selbst der hl. Papst Pins v. alle ge-
schichtlichen Erzählungen von ihm aus dem
römischen Brevier weggelassen hat. Man
hat daratls sowie aus dem Umstande, daß
der Heilige nicht bloß bei beit orientalischen
Christen, sondern fast noch mehr bei den
Mohamedanern eine ganz epceptionelle Ver-
ehrung genossen, den Schluß ziehen wollen,
daß man es hier mit keiner historischen
Persönlichkeit zu thun habe, daß die ganze
Legende nur einen mythischen Hintergrund
habe und der hl. Georg nichts anderes als
ein alter heidnischer Gott in christlichem
Gelvande — der Mithra der Kappadozier
— gewesen fei.1)

Allerdings fehlen uns die echten Mar-
tyrerakten über den hl. Georg, denn die in
großer Anzahl vorhandenen, namentlich in
lateinischer Sprache verfaßten Martyrologien
sind alle nnächt und mit Fabelhaftem ange-
füllt; gerade die ältesteit aber von diesen
Akten rühren von den Arianern her, so daß
schon die römische Synode unter Papst Gela-
stns, welche den ältesten Index librorunr prohibi-
torum ausgestellt haben soll, im Jahre 494
oder wahrscheinlicher 496 2) diese Akten nebst
andern häretischen Heiligenlegenden verwor-
fen hat. Allein wir werden finden, daß,
wenn attch die ächten Nachrichten über den
Heiligen nicht mehr ganz ans uns gekommen
sind, aus allen vorhandenen Legenden doch
kein Mithra der Kappadozier sich zusammen-
setzen läßt.

Die ausführlichsten Berichte über diese
verschiedenen Quellen der St. Georgslegende
enthalten die Aeta Sanctorum der Bollan-
disten.3) Wir sehen dort — und das läßt
sich auch bei der so frühzeitigen und weit-
verbreiteten Verehrung des Heiligen nicht
anders erwarten —, daß die Anzahl dieser

’) Vergl. Guts ch inid , über die Sage vom
hl. Georg, als Beitrag zur iranischen Mythen-
geschichte , in den Berichten über die Verhand-
lungen der K. Sachs. Gesellschaft der Wissensch.
philos. histor. Klasse. 1861. 13. Bd. S. 187 ff.

2) Vergl. Hefele, Konzilicngesch. Band II.,
618.

3) April, tom. III., 103.
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