Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 103
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ligen zugänglichen Berichte; alle späteren
Legenden ftnb nach subjektivem Ermessen
bald verkürzt, bald mit willkürlichen Zusätzen
bereichert.

Ans Grund dieser Akten nun hat man
in der Legende des hl. Georg einen bloßen
Mythus, wie oben gesagt, den Mithra der
Kappadozier, sehen wollen. Um den Nach-
weis hiefür zu liefern, hat man zuerst auf die
Heimath des Heiligen aufmerksam gemacht:
„Ist der hl. Georg in der That ein alter
heidnischer Gott in christlichem Gewand, in
der Weise wie der hl. Nikolaus ein ver-
kleideter Poseidon, so werden wir auf das
Bestimmteste darauf hingewiesen, den ur-
sprünglichen Sitz dieses Gottes in Kappa-
dozien oder doch in der Nähe dieses Landes
zu suchen: und zwar muß dieser Gott einen
weit über die Grenzen seiner Heimath hinaus-
reichenden Ruf genossen haben." H Kappa-
dozien aber ist „recht eigentlich die Wiege
des Mithradienstes" — und, wie wohl mit
Sicherheit angenommen werden darf, die
Heimath des hl. Georg. Das also würde
stimmen; beide, St. Georg und Mithra, sind
Kappadozier. Nun braucht es nur noch des
Beweises, daß und wie St. Georg zu Mithra
oder umgekehrt Mithra §it St. Georg ge-
worden ist. Vernehmen wir einige von den
Hauptsätzen, in welchen die „Identität des
hl. Georg und des Mithra bis in die
kleinsten Züge nachgewiesen worden ist".
„Mithra ist das geschaffene, alles durch-
dringende , alles belebende Licht, nach der
moralischen Seite hin der Repräsentant der
Wahrheit, Gerechtigkeit und Treue; in spä-
terer Zeit ist er mit der Sonne identifizirt_

— Georg seinerseits ist der Sohn vornehmer
christlicher Eltern. Mithra heißt'der reiche
Landesherr, schaltend über Gaben, schaltend
über Fluren — Georg ist Herr großer
Schätze und eines reichen Erbes. Mithra
heißt der wohlgebildete, der hohe, durch
Reinheit liebliche ... — Georg war nach der
Sage ein schöner Jüngling und wird als
solcher abgebildet. Mithra ist in späterer
Zeit ein besonders liebevoller Gott: er ist
Friedensgeber, Segengeber n. s. tv. — Georg
vertheilt seine Schätze unter die Armen.
Die Frau im Königsgewande, die ans den
alten Darstellungen Georgs seinem Kampfe
zuschant, dürfte (!) die dem Mithra häufig
beigesellte weibliche Gottheit Anahita sein;
in ihrem Namen Alexandra „die Männer Ab-
wehrende" würden wir eine sehr passende
Bezeichnung für die jungfräuliche Anahita
vor uns haben" u. s. tv. u. s. w.* 2) Wahrlich,

') Gntschm id, die Sage v. hl. Georg. S. 186.

2) ebenda 187 ff.

wie leicht und ungezwungen nur hier die
Metamorphose vor sich geht! Welch ein
Gewinn für die Wissenschaft, wenn einmal
die Legende aller Heiligen in dieser Weise
bearbeitet sein würde! Nur allein der Drache
will sich dieser Umwandlung nicht recht fügen.
„Der von Georg durchbohrte Drache wird
insgeinein als eine Allegorie des von ihm
übertvundenen Teufels oder Heidenthnms
anfgefaßt; dagegen spricht aber, daß dieses
Symbol mehr oder weniger allen Heiligen
zukonnnen würde, während sonst nur noch
der hl. Theodor als Drachentödter abgebildet
wird: und gerade dieser ist ein dem hl. Georg
nahe verwandtes Wesen, von Reinbot von
Dorn werden sogar Theodor und Demetrios
§n Brüdern desselben gemacht." Daß nur
St. Theodor das Symbol des Drachen habe,
widerlegt jede nächste beste Legendensammlnng.
Wir kennen nrehr als drei Dutzend sogen.
Drachen-Heilige, ans den ältesten Zeiten
z. B. Michael, Cyriakus, Margaretha, Martha,
Longinus; letzteren sieht man wie St. Georg
als Ritter, ein Schwert in der Hand und
einen Drachen zu Füßen; er wird ebenfalls
in Kappadozien, besonders in Cäsarea, ver-
ehrt. Florentius Vindemialis hat durch das
bloße Kreuzeszeichen einen Drachen getödtet;
ebenso haben einen Drachen die Heiligen
Gereon, Papst Leo iv., Magnus, Domitian,
Donatus, Maurus, Marcellus n. s. w. Um
auch einen „Drachenhelden" ans der neuern
Zeit anzuführen, so sieht man sogar unter
den Füßen des hl. Ignatius von Loyola ans
gewissen Bildern einen Drachen angebracht.

Die neueste „Forschung" anf unserem
Gebiete hat nun wohl cingesehen, daß man
mit solchen „Beweisen" den hl. Georg in
keinen Mithra verwandeln kann und daß man,
um überhaupt eine Metamorphose mit unfern
Heiligen fertig zu bringen, andere Kräfte als
die veralteten Götter Kappadoziens zu Hilfe
nehmen müsse. Man hat darum zwar „Gnt-
schmids Verdienste, den rein mythischen Cha-
rakter unserer Legende und ihre Abstammung
von der Mithrasage mit Bestimmtheit nach-
gewiesen zu haben," anerkannt, aber zugleich
sich noch nach einer naturwüchsigeren Er-
klärung umgesehen und zwar in folgender
Weise: Zuerst wird die allein vernünftige
Auffassnngsweise der Bollandisten, daß die
Darstellung vom Drachenkampfe des Heiligen
als eine christlich symbolische anznsehen sei,
mit dem kurzen, aber inhaltsschweren Macht-
spruch abgethan: „Das völlige Unhaltbare
und Verdrehte dieser Ansicht ist klar." *)
Dann wird also fortgefahren: „Bald jedoch

st Riehl, B., St. Michael und St. Georg
in der bildenden Knust. München 1888. S. 37.
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