Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

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erkannten unbefangenere Forscher, daß wir
es hier mit einer Personifikation von Natnr-
kräften zu thnn haben und daß Georg, dessen
Fest ja ans den 24. April fällt, der Früh-
lingsheld ist, der den Winter bekämpft und
die durch ihn gefesselte Vegetation aus ihren
Banden befreit. Man kam zn Parallelen
mit dem Mythus von Perseus und Andro-
meda. Daß dieses der Kern des im Sagen-
schatze vieler Völker in der mannigfachsten
Form anftauchenden Mythus ist, halte ich
für völlig richtig, den Anlaß znr Ausbildung
der Sage in der uns vorliegenden Form mag
dann — wie Gutschmid darlegt — der
Kampf Mithras gegen Dahhak gewesen sein."
Also würde St. Georg die Natnrkräfte,
speziell die des Frühlings symbolisiren. Was
bedeutet dann aber die weibliche Figur in
seinen Darstellungen? Darüber schweigen
„unbefangenere Forscher". Könnte sie nicht
eine Gehilfin des Heiligen in diesem Kampfe,
etwa die hl. Gertraud sein? Von dieser
Gärtnerin heißt es nämlich:

„Es führt St. Gertraud
Die Kuh znm Kraiit,

Die Biene zuin Flug
Und die Pferde zrrm Zug."

Ars Pendant zum hl. Georg wäre daun
wohl St. Nikolaus, dessen Fest auf den
6. Dezember fällt, als „Winterheld" zu
fassen, der an seinem Tage, wenn es nicht
schon früher schneit, die Vegetation wieder
bannt. St. Martin könnte als Personisi-
kation des Herbstes gelten, da mit seinem
Tage das Ackerbaujahr endigt, die Pachtzinse
fällig und die Gänse fett werden. Und so
könnte vielleicht der ganze christliche Kalender
naturwissenschaftlich srnktisizirt werden. Doch
wir kehren zu Ernsterem zurück.

Im Kerne aller Legenden des hl. Georg
— dazu wird eine vorurtheilsfreie Unter-
suchung von selbst kommen — namentlich in
den griechischen Urkunden birgt sich un-
zweifelchaft die Erinnerung an unfern Hei-
ligen als einen der ersten und berühmtesten
Märtyrer der diokletianischen Christenver-
folgung, dessen fester Glaube selbst durch die
gräßlichsten Qualen, welche die Tyrannen-
wuth zu ersinnen vermochte, nicht gebeugt
werden konnte. Die Größe dieser Qualen
und die lange Dauer derselben — acht
Tage lang soll ja die Jugendkraft des Hei-
ligen denselben widerstanden haben —
mochten wohl auf die Phantasie des Volkes
und insbesondere der christlichen Bekenner
einen mächtigen Eindruck gemacht haben
und auch die Veranlassung zu beit über-
triebenen, zum Theil widersiuuigen Schilde-
rungen derselben gegeben haben. Allein nach
allen ältesten Angaben darf man als historisch

unzweifelhaft annehmen, daß der Heilige am
Anfang der letzten Christenfolgnng im Jahre
303 litt und der Ort seines Leidens Niko-
media war.x) (Fortsetzung folgt.)

Die Pfarrkirche in Scfymiecfyen bei
Ehingen und deren Restauration.

Von Pfarrer Kamerer Huck.

(Fortsetzung und Schluß.)

Nach sorgfältigster Bloßlegung der Wände
konnten noch drei Gruppenbilder unterschie-
den werden, von welchen aber nur eines
noch im einzelnen erkenntlich war, während
die beiden andern durch vielfache Mörtel-
ergänzungen unkenntlich geworden waren.
Das elftere stellt wohl den Tod eines der
makkabäischen Brüder dar, denen die Hände
und Füße abgehauen wurden. Wir geben
hier wenigstens die Umrisse der Komposition,
ivelche bei aller Schlichtheit eine Gewandtheit
der zeichnenden Hand und eine lebendig be-
wegte Auffassung verräth; rührend ist es,
wie die Mutter die abgehaueuen Hände und
Füße auf ihrem Schooß und in den Händen
hält und voll Schmerz betrachtet.

Da jedoch der hl. Vitus, der Patron der
Kirche, ebenfalls ein jugendlicher Märtyrer
war, so wäre es auch nicht unmöglich, daß
dessen Martyrium dargestellt werden sollte,
weshalb man sehr dankbar wäre, wenn irgend
eine Legende bezeichnet werden könnte, in
welcher, entgegen den gewöhnlichen Berichten,
ein derartiger Tod des Heiligen beschrieben
wäre. * *)

Unter dem Bewurf fanden sich auch die

') „Man hat ganz an Georgs wirklichem Da-
sein zweifeln wollen; allein zwar nicht zu Mclitene
in Kappadozien, sondern zu Nikomedia, wo Dio-
kletian Hof hielt, zeugte und litt Georg zu An-
fang der zehnten und letzten Christenverfolgung,
wie es aus den griechischen Urkunden erhellt und
durch die Uebertraguug seiner Gebeine nach Dios-
polis behängt wird." So die Herausgeber des
Reinbot von Dorn, Hagen und B lisch in g,
Deutsche Gedichte des Mittelalters 1808, Bd. I
5. Stück.

*) Näher läge es jedenfalls, au Felicitas und
das Martyrium ihrer Söhne zu denken, als an
die makkabäischen Brüder. In der Legende des
hl. Vitus findet sich ein ähnlicher Zug nicht, weder
bei Jakobus a Voragine noch bei den Bollan-
disten; da aber die ganze Legende des hl. Vitus
eine stark kombinirte ist, so wäre es nicht un-
möglich , daß obige Darstellung sich auf ihn be-
ziehen würde; dann wäre die sitzende Frau die
Amme Crescentia, der erste Manu links Mode-
stus. Uebrigcns kommt noch bei mehreren Mär-
tyrern das Abhauen der Hände und Füße und
auch die ermunternde Assistenz der Mutter vor,
z. B. auch bei Symphorianus. A. d. R.
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