Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 106
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auszustatten. Es wurde nämlich reustene
Leinwand auf Holzrahmen aufgespannt und
mit Oelfarbe teppichartig bemalt, hierauf in
der Weise an der Wand befestigt, daß zwischen
Wand und Teppich noch die Luft spielen
kann.

Auch auf dem Boden fanden sich noch lieber-
resteaus der gothischen Zeit, nämlichThonfließe
in dreierlei vertieften Ornamentzeichnungen.
Auch diese wurden zur Erinnerung auf-
behalten, indem mit den besterhaltenen eine
kleine Fläche hinter dem Altar belegt wurde.
Der übrige Teil des Bodens wurde mit stil-
gemäßen Mettlacherplättchen versehen. Bei
Gelegenheit des Bodenlegens stieß man auf
das ursprüngliche Fundament des früheren
Ehores (s. den Grundriß) welcher hiernach
einen geradlinigen Abschluß hatte.

Machte der Chor schon nach Wegnahme
des Gerüstes durch seine kunstgerechte Anlage
in Ban und Malerei und durch die zwei
wohlgelungenen, zum Ganzen harmonisch
stimmenden gemalten Fenster aus dem Ate-
lier von Waldhausen und Ellenbeck in Stntt-
gart etneit erhebenden Eindruck, so steigert
sich dieser noch durch den nach Stil und

Größenverhältnissen vortrefflich passenden und
bis ins Kleinste sorgfältig ausgearbeiteten
gothischen Altar von Cleß. Die Statuen des
hl. Vitus, Urban und Martinns, sowie der
beiden Engel als Akolnthen neben den:
Expositionstabernakel, welcher mit dem Repo-
sitionstabernakel den kirchlichen Vorschriften
ebenso wie den Gesetzen der Kunst entspricht,
sind gleich den Hochreliefs im Antipendinm
in Bildhauerei und Fassung wohl gelungen.
Dem Altar reiht sich in würdiger Weise der
Taufstein und Kredenztisch an; selbst den
Kinderstühlen, die leider wegen Raummangels
nicht ans dem Chor hinausgewiesen werden
konnten, wurde die gebührende Aufmerk-
samkeit zugewendet. Endlich erhielt das
Ganze durch eine stilgemäß ausgeführte
Kommunionbank, ebenfalls von Eleß, einen
würdigen Abschluß. So macht nun der
Chor trotz seiner kleinen Verhältnisse in
folge der darin herrschenden Harmonie und
kunstgemäßen Behandlung einen guten
Eindruck.

Als man mit der Restauration des
(zum Chor etwas schräg stehenden) Schis-
ses begann, für welches wegen Mangel
an Geld und Zeit nur die vorläufige Her-
stellung der durchaus unebenen Wandungen
und die Erneuerung des flachen Plafonds
in Frage kam, so zeigte sich alsbald, daß
man sich in Bezug ans die Entstehungs-
zeit des Baues bedeutend getäuscht hatte.
Die Fensternischen sowie die ganze Ein-
richtung hatte ans die Spät-Renaissance
lxz hingedentet. Beiin Abschlagen des losen
( Mörtels fanden sich aber Bruchteile von
kleinen einfachen Wandgemälden von der-
selben Hand wie das Chorbild. Ja unter
diesem Bildercyklus fanden sich sogar noch
ältere Wandmalereien aus der romanischen
Zeit, welche aber fast ganz unkenntlich
waren. Besonders interessant war die Auf-
deckung einer sehr kleinen romanischen
Fensternische, eines Weihezeichens als Be-
weis für die bischöfliche Konsekration und
eines Wappens mit Stesnbock, welches durch
das freundliche Entgegenkommen des Kgl.
Archivvorstandes als dasjenige der „Fleck
von Smiechain" sestgestellt wurde. Leider
waren die gothischen Wandmalereien durch
die sieben Renaissancefenster und durch an-
dere bauliche Reparaturen so beschädigt, daß
man nicht daran denken konnte, den Bildercyk-
lns wieder herzustellen. Dagegen wurde durch
Herrn Baron Freyberg in Allmendingen,
welcher sich (wie auch Herr Hofrat Banr)
von Anfang an um die Restauration sehr
interessiert und dieselbe mit seinem erfahrenen
Rath unterstützt hat, alles durch gepaust, was
durchzupausen war, ebenfalls zur Anfbe-
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