Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

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mit der Rechten den Hirtenstab, in der
Linken ein Buch mit drei Aepfeln haltend.
Der Mann befindet sich offenbar in einer
großen Gefahr, in welcher der Heilige Hilfe
gebracht hat.

Auf der Epistelseite ist oben die allbe-
kannte Scene, wie der Heilige einem Manne,
welcher feine drei Töchter nicht ansstatten
konnte und sie deshalb einem schändlichen
Gewerbe widmen wollte, bei Nacht die Mit-
gift für Verheiratung der Töchter in Haus
warf. Der Heilige befindet sich auf der
Straße. Durch Fensteröffnungen sieht man
ins Innere eines Hanfes, in welchem die
drei Töchter in einem Bette schlafen, zwei
Gaben liegen schon auf dem Bette, die
dritte hat der Heilige in der Hand. Neben
dem Bette sitzt der Vater, das Haupt in die
Linke gestützt. Der Gesichtsansdruck zeigt
herben Kummer. — In der unteren Hälfte
des Flügels habeil wir den hl. Nikolails
als Patron der Seeleute. In einem Schiff,
das in brandenden Wogen schaukelt, befinden
sich vier Personen, nach Art der Schiffs-
leute leicht angezogen. Der vorderste hält
einen Sack umschlungen, nur ihn anscheinend
ins Meer zu werfen. Ein zweiter hebt
Blick und Hände zlim hl. Nikolaus empor,
welcher in bischöflichem Ornate und mit den
drei Aepfeln auf dem Buche sich in dein
Schiffe befindet.

Wahrscheinlich hat der betreffende Maler
die folgende oder eine ähnliche Legende im
Auge gehabt: „Eines Tages, als einige
Schiffer in Gefahr waren, beteten sie unter
Thränen also: „Nikolaus, Diener Gottes,
wenn wahr ist, was wir von dir gehört
haben, so mögen wir jetzt dies von dir selbst
erfahren." Bald erschien einer, der ihm ähn-
lich war und sprach: „Siehe ich bin da, ihr
habt mich gerufen." Unb er fing an sie zu
unterstützen im Handhaben der Raaen und
Schiffstaue und anderer Schiffsausrüstung.
Und sogleich hörte der Sturm auf. Als sie
aber zu feiner Kirche kamen, erkailnten sie
sogleich, ohne daß man ihneil denselben zeigte,
den hl. Bischof Nikolaus als denjenigen, der
sie errettet hatte."

Die Darstellungen sind nicht alle gleich
gut gemalt, gehören dem Anfang des 16.
Jahrhunderts an und sind jedenfalls keinen,
größeren Künstler zuzuschreiben.

11) Der Marien-Altar. Wenn man
durch das schöne Südportal in die Kreuz-
kirche eintritt, so fällt der Blick sofort auf
den Muttergottesaltar, welcher an der Ost-
wand des südlichen Seitenschiffes seinen
Standort hat. Er ist auch ein Lieblings-
altar des Volkes, nicht bloß wegen seines
Standorts, sondern namentlich wegen des

Marienbildes, welches in der großen einzigen
Nische des Altars steht. Dieses Bild, eine
schlanke, etwas ausgebogene süddeutsche
Skulptur, soll während der Belagerung
Rottweils durch die Franzosen im dreißig-
jährigen Krieg die Augen bewegt haben.

Während der Zopfzeit wurde es, wie noch
so viele Gnadenbilder, mit Stoff bekleidet
und trug diese Gewandung bis in die drei-
ßiger Jahre dieses Jahrhunderts. Bei der
Restauration der Kirche machte Heidelosf dieses
Bild zum Mittelpunkt eines Flügelaltares
und stellte es in die für dasselbe viel zu
breite Hauptnische. Die Dissonanz dieser
Verhältnisse bestimmte einen Rottweiler
Schreiner, der Gewandung links und rechts
noch einige Falten hinzuleimen, was aller-
dings nicht übertrieben schön anssieht. Die
Figur ist schön geschnitzt und war mit
Sternen und Steinen besät, auch Krone und
Halsband und Mantelschließe weisen Schmuck
durch den Juwelier auf, und teilweise wurde
dieser Schmuck durch Imitationen wieder
erneuert von Juwelier Zimmermann in
Nürnberg. Dieser erhielt für die Krone
39 fl., für Halsband und Mantelschließe
je 8 fl., für das Gewand 4 fl. Der Altar-
anfbau ist neu gearbeitet von Rotermund,
welcher 364 fl., Schreiner Haas, welcher
400 fl. und Hütter, welcher für das Ver-
golden 1050 fl. erhielt.

Die zwei Flügel kaufte Heidelosf von
Kunsthändler Rittberger in Nürnberg um
den Preis von 188 fl. Die Malerei auf
der Vorderseite bezeichnet er als „Kölner
Malerei aus der ältesten deutschen Schule".
Indessen fehlen die Hauptmerkmale der
Kölner Schule, die Zartheit des Tones, die
Schlankheit der Figuren, das eigentümliche
Aufsetzen des Lichtes an Stirne und Hän-
den. Es liegt in den Bildern noch etwas
Kindliches, Naives, dabei recht Frommes;
die etwas gedrungenen Figuren mit dem
herben Zug um die breit geschnittenen Lippen
ließen eher auf die westfälische Schule
schließen.

Auf dem Flügel der Evangelienseite ist
dargestellt eine Vision des hl. Franziskus
von Assisi. Der Heilige mit den fünf Wund-
malen, kniet in einer hübschen Landschaft
und schaut verzückt empor zuin Gekreuzigten
der mit Chernbsflügeln ihn: erscheint. Rechts
auf der Epistelseite ist der Tod des hl.
Franziskus von Assisi. Der Heilige liegt
entseelt da ans einer Bahre. Ein Diakon
beschaut die Wunde der rechten Hand. Der
Offiziant betet in rothem Ranchmantel, um-
geben von einer großen Anzahl betender
Mönche. In der goldenen Luft schwebt die
Seele des hl. Franziskus in Gestalt eines
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