Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

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Archiv für rljriftlirljc liuuft.

Organ des 2^ottenbnrger Diözesan-Vereins für christliche Kunst.

Heransgegeben urrd redigirt von Professor Dr. Keppler in Tübingen.

Verlag des Rottenbnrger Diözefan-Runstvereins, für denselben: der Vorstand Professor Dr. Keppler.

Dr. i.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährl. für M. 2. 05 durch die württemb.(M. I. 90
im Stuttg. Bcstellbezirk), M. 2. 20 durch die bayerischen und die Rcichspostanstalten,
fl. 1.27 in Oesterreich, Frcs. 3. 40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werde» yO^y
auch angenommen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags ±0^/±4
direkt von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Urbansstraße 94,
zum Preise von M. 2. 05 halbjährlich.

Oie ^rage der Kirchenheizung.

Dieser praktischen Frage nahe zu treten,
scheint geboten, weil nicht nur ans pro-
testantischer Seite unverkennbar das Be-
streben dahin geht, nach und nach alle
Kirchen in Stadt und Land heizbar zu
machen, sondern weil auch in katholischen
Blättern die Angelegenheit, soweit sie uns
angeht, schon wiederholt in Besprechung
genommen wurde, nicht immer aufs glück-
lichste. Die Sache ist schwieriger und
verwickelter, als viele meinen, und läßt
sich nicht drevi manu abthun; in den
Besprechungen derselben, die mir zu Ge-
sicht kamen, erschien mir das Ja der einen
wie das Nein der andern gleich ungenügend
überlegt und begründet zu sein. Es wird
sich empfehlen, im Interesse einer gründ-
lichen Verhandlung die Eine Hauptfrage,
ob wir unsere Kirchen heizbar machen
sollen, in mehrere zu spalten.

Eine Vorfrage soll lauten: Ist es er-
laubt, uusere Kirchen zu heizen?
Selbstverständlich liegt ein Verbot von
irgend einer anktoritativen Seite nicht vor.
Gleichwohl hat man ans die Frage ver-
neinend geantwortet theils unter Berufung
auf das Herkommen unb die Überlieferung,
der die Kirchenheizung als Neuerung sich
entgegenstelle, theils von einer moralischen
Erwägung geleitet, wornach dieselbe als
nicht zu rechtfertigende Konnivenz gegen
moderne Verweichlichung sich verbieten soll.

Das h i st o r i s ch e A r g u m e n t kann
natürlich für sich allein nicht ausschlag-
gebend sein. Daraus, daß man bisher
nicht geheizt hat, folgt nicht, daß man jetzt
nicht Heizen dürfte; es müßte aus andern
innern Gründen zuerst die Unstatthaftigkeit
erwiesen sein. Man sieht nicht ein, warum
man nicht mit demselben Recht eine große

Kirche solle Heizen dürfen, mit welchem
man überall Kapellen und Oratorien in
Schlössern, Krankenhäusern, Instituten
heizbar macht. Der Rekurs auf die Ueber-
liefernng beweist gar nichts. Wir wissen
nicht einmal, was nufere Vorfahren gethan
hätten, hätten sie im gleichen Maße die
Möglichkeit gehabt, große Räume zu Hei-
zen, wie wir. Unsere Bedürfnisse können
hier wie in tausend andern Dingen andere
geworden sein und sich nicht gewaltsam
auf eine frühere Linie zurückschrauben
lassen. Hier setzt nun aber eben jene
m o r a l i s ch e E r w ä g u n g eilt. Es ist
nicht zu leugnen, daß in dem sich regen-
den Verlangen nach geheizten Kirchen-
ränmen wie in dem laut gewordenen und
bereits bewilligten Verlangen nach Heizung
der Eisenbahnwagen sich die Verweichlichung
knndgibt, der unsere Generation anheim-
gefallen ist ttnd immer mehr anheimfällt.
Nun scheint die Frage berechtigt: soll man
dieser Weichlichkeit ans jede Weise Vor-
schttb leisten? sie durch beständige Nach-
giebigkeit beständig steigern? ist hier nicht
vielmehr Widerstand bis znm Aenßersten
eher angezeigt? liegt iticht vor allem der
Kirche eine solche Widerstandspflicht ob?
kann nicht vonl Christen verlangt werden,
daß er bei Leistung seiner religiösen Pflicht
auch ein kleines Maß von Unannehmlich-
keit und Unbehagen auf sich nehme? Ohne
allen Zweifel besteht eine ethische Pflicht,
sich abzuhärten rmd der Verzärtelung unseres
Geschlechts nach Kräften entgegenzuarbeiten.
Das ist aber sehr fraglich, ob Abhärtungs-
Versuche gerade zur Zeit des Gottesdienstes
und in der Kirche aitgezeigt und klug an-
gebracht sind. Wir werdeil das Frieren
gewiß ebensowenig als ein allgemein wün-
schenswerthes Mittel ansehen, um der Er-
füllung der kirchlichen Pflicht einen asce-
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