Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

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fever Vorfahren. Von der Zeit an, wo
die Notwendigkeit eintrat, die Begräbniß-
stätte der Todten ans dem engen Verband
mit der Pfarrkirche abzulöfen, sehen wir
sie überall besorgt nnd bestrebt, den Gottes-
acker mit einer Kirche oder Kapelle zu
bedenken. Dieser Gedanke imb diese Sorge
ist tief christlich. Es drängt uns, ans
der Stätte des Todes und der Verwesung
nicht bloß das Kreuz, das Siegeszeichen
der Todesüberwindung, auszupflanzen, son-
dern ein steinernes Monument der christ-
lichen Religion, ein Hans des ewigen Gottes
sich erheben zu lassen, einen Ban, der ans
dem Reich der Verwesung in eine bessere
Welt weist, der dem Schmerz der Hinter-
bliebenen ein Asyl bietet, der einen Altar
birgt zur Darbringung des hl. Opfers für
die Verstorbenen, dessen Ausstattung und
Bilderschmnck Hoffnung und Ergebung
predigt und zum Gebet für die Entschla-
fenen mahnt, eine Stätte, wo ebenfalls
wie da, wo die Gräber um die Kirche ge-
reiht sind, eine gewisse communio in
sacris auch mit den Abgeschiedenen ermög-
licht ist nnd wo man, deren leiblichen
Ueberresten leiblich nahe nnd voll frischer
Erinnerungen an sie, inständiger als an-
derswo sein requiem aeternam dona eis
domine beten kann.

Der Ban aber, welchen man ans einer
solchen Stätte des erschütternden Ernstes,
so großen Weh's nnd so vieler Thränen
errichten will, muß dem Charakter des
Ortes entsprechen. Man wird von ihm
verlangen müssen, daß auch er in Anlage
und Stil den strengsten Ernst bewahre,
auf alles Spielen mit Zierrathen verzichte
und die schauerliche Erhabenheit, die Todes-
ruhe des Gottesackers nicht störe, sondern
zum monumentalen Ansdruck bringe. Die
Anlage wird für gewöhnlich die für eine
eigentliche Pfarrkirche übliche Grnndriß-
bildnng verlassen, weil ja an eine Gottes-
ackerkapelle nicht dieselben räumlichen An-
forderungen zu stellen sind, wie an eine
Kirche. Als ein sehr altehrwürdiges, heute
noch nachahmenswerthes Programm für
Grab- und Gottesackerkirchen könnten die
sogenannten Tricorien oder Drei-Konchen-
Kapellen bezeichnet werden, deren sich zwei
ans dem Areal der Calixtus-Katakomben
erhalten haben; sie werden von de Rosst
(Roma sotterranea tom. 111 p. 468—77)

ins dritte Jahrhundert verlegt. Das Klee-
blattschema dieser altchristlichen Bauten
wurde dam: für Friedhofskapellen viel ver-
wendet (Beispiele nnd Abbildungen bei
Dehio und Betzold, Die kirchliche Bau-
kunst des Abendlandes, Liefg. I. S. 57 s.
und Atlas Tafel 14). Ein weiteres Pro-
gramm bringt das fünfte Jahrhundert mit
dem Bail der Galla Placidia, jetzt S. Na-
zario e Celso in Ravenna. Dieses
Mausoleum ist ein Centralban mit vier
Krenzarmen, von welchen der westliche die
drei anderen etwas an Länge übertrifft;
die Kreuzflügel sind mit Halbtonnen ein-
gewölbt; über der Vierung steigt ein höherer
thnrmartiger Ban ans, kuppelförmig ge-
wölbt und mit Oberlichtern versehen. Eine
Nachahmung dieses Kreuzbanes ist die Ka-
pelle von Heiligkreuz bei Münster (siehe
Efsmann, Heiligkreuz und Pfalzel S. 20 ff).
Freilich nicht häufig wird es möglich sein,
die Anlage dieser Bauten nachzubilden,
welche schon in sich eine Garantie des
Ernstes nnd der monumentalen Kraft hat.
Näher liegen uns Vorbilder ans späterer
Zeit, namentlich die schönen Polygon-
banten des gothischen Stils. Im Geist
der letzteren sind auch die Entwürfe der
Beilage gehalten.

Figur 1—4 a führt den einfacheren,
Fig. 5—9 den reicheren Entwurf vor
Augen. Der Grundriß Fig. 1 zeigt, daß
wir es hier mit einer sechseckigen Kapelle
mit quadratischem Vorraumthun haben;
beide Jnnenräume sind im Kreuz über-
wölbt gedacht. Wie der Längenschnitt
Fig. 2 zur Anschauung bringt, ruht das
bis zur Höhe von 5 m aufsteigende Ge-
wölbe mit seinen Rippen auf Diensten, die
in die sechs Ecken postirt sind; die fünf ge-
schlossenen Wände des Sechsecks sind je
von zwei Fenstern durchbrochen; eine Art
Triumphbogen stellt die Verbindung her
zwischen Hauptranm und Vorraum; ein
Stnhlsystem könnte nach der Angabe des
Grundrisses in den Raum eingelegt werden.
Die Außenansichten Fig. 3, 4 nnd 4 a
lassen zur Genüge erkennen, daß es dem
Bau trotz geringer Dimensioneir und großer
Einfachheit an Gliederung, kraftvoller
Haltung und monumentaler Wirkung nicht
gebricht.

Reicher ist die zweite Anlage, die wieder
in zwei Varianten vorgeführt ist. Der
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