Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 13
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Archiv für christliche Kunst.

Organ des Rottenburger DiözesanOereins für christliche Runst.

perausgegeben und redigirt von Professor Dr. Aeppler in Tübingen.

Verlag des Rottenburger Diözesan-Runstvereins, für denselben: der Vorstand Professor Dr. Reppler.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährl. für M. 2. 05 durch die württemb.(M. i. 90
iin Stuttg. Bestellbezirk), M. 2. 20 durch die bayerischen und die Reichspostanstalten,
O tl- 1- 27 in Oesterreich, Frcs. 3. 40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden
auch angenommen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags
direkt von der Expedition des „Deutschetl Volksblatts" in Stuttgart, Urbansstrahc 94,
zum Preise von M. 2. 05 halbjährlich.

Mittelalterliches Lorporalien-
kästchen.

Die Behandlungsweise, welche wir in
unseren Sakristeien gewöhnlich den Corpo-
ralien angedeihen zil lassen pflegen, ist
oftmals nicht im Einklang mit der hohen
Würde unb Bestimmung dieses liturgischen
Objekts, dessen Name scholl ans nächste
Beziehung zum heiligen Fronleichnam hin-
weist. Am besten behandelt erscheint es
noch, wenn es in der Bursa belassen oder
in einer Lade geborgen wird. Und doch ist
das Erstere nicht eigentlich zu billigen, denn
es führt zu dem unschönen Usus, wornach
gleichzeitig eine Menge von Corporalien in
Gebrauch ist und je eines — oft durch un-
gemessene Zeiträume hin — in den verschie-
denfarbigen Bursen steckt. Schon tm Inter-
esse der Reinlichkeit und rechtzeitigen Er-
nenernng liegt es, daß ein Priester immer
nur Ein Eorporale im Gebrauch habe. Es
nach Darbringung des Opfers aus den
Kelch zu legen, ist nicht rathsam, vollends
llicht das feuchte Pnrisikatorinm darüber
zu breiten. Nicht zu beanstanden ist die Auf-
bewahrung in einer besonderen Schublade.
Aber noch besseren und würdigeren Ruhe-
platz wußte das Mittelalter bem eben im
Gebrauch befindlichen Eorporale anzuweisen.

Wir finden nämlich in den alten Kir-
cheninventarien außer den Bursen auch noch
hölzerne, mit Seide überkleidete Corporalien-
kästchen verzeichnet, unter dem Namen °.
pera, capsella corporalium, welche B o ck
in seiner Geschichte der liturgischen
Gewänder (Bd. II S. 267 sf.) näher
beschreibt; ans Tafel XXXV ist eill Exem-
plar von 1477 abgebildet. Wir können
beifügen, daß in Wimpfen am Berg in der
Sakristei der protestantischen Kirche sich
ein köstlich bemaltes Holzkästchen befindet,
das zweifelsohne demselben Zwecke diente.

Bor einiger Zeit wurde mir in dankens-

werther Weise aus der Marienkirche in
Reutlingen ein reich besticktes Kästchen zu-
gesandt, das sich sofort als mittelalterliches
Corporalienkästchen erwies. Ich lasse die
Beschreibung folgen, wie sie erstmals in
den „Reutlinger Geschichtsblättern" 1890,
Nr. 4, veröffentlicht wurde. Es ist ein
fast quadratisches, wenig über 20 cm breites
unb langes, nur 4 cm tiefes Kästchen aus
dünnen Holztäfelchen, die zunächst innen
und außen mit starker Leinwand überzogen,
an den Seiten mit besserem Stofs beklei-
det und mit etwas Stickerei ansgestattet
sind. Reich verziert ist der Deckel, dessen
Ueberzug ein gemusterter Seidesammtplüsch
bildet, leider zu sehr abgerieben, als daß
das Dessin noch vollständig zu erkennen
wäre. An den Ecken desselben sind vier
kugelförmige Seidenqnästchen angebracht, je
in der Mitte zwischen denselben ein mit
Seide und Goldfaden übersponnener Knopf.
Der Deckel scheint mit dem Kästchen nie
verbunden gewesen sein; vielleicht dienten
die vier Knöpfe dazu, ihn ans demselben
zu befestigen, etwa durch Unterzüge mit
Schlaufen, die über den Boden des Käst-
chens von einem Knopf znm andern geführt
waren. Auf den Sammtplüsch ist eine im
Plattstich ausgesührte Fignrenstickerei ans-
gesührt, eine Madonna mit dem Kind,
auf dem Halbmond stehend, von flammen-
der Strahlenglorie nmwoben, ziemlich
lädirt. Innen im Kästchen liegt noch eine
Bursa oder Corporalientasche, vorn mit
recht gut erhaltenem rothem Seidenstoff
(uni, ohne Musterung), ans der Rückseite
mit grober Leinwand überzogen, durch zwei
Pergamentlagen gesteift, innen mit weißer
Leinwand gefüttert; sie ist ans drei Seiten
zngenäht und oben mit einer Klappe ver-
sehen, die zugeknöpft werden kann. Auf
den vier Ecken sitzen große runde, mit ge-
drehtem Goldfaden überzogene Knöpfe. An
der Rückseite sind oben noch stückweis er-
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