Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

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haltene schwarze Litzen angenäht, offenbar
zum Anhängen der Tasche. Diese Vorrich-
tung beweist, daß Kästchen und Bursa nicht
zur Aufbewahrung des beim Meßopfer,
sondern des bei der Krankenprovision ge-
brauchten Corporales diente. Möglich, daß
bei weiten Versehgängen, wenn der Priester
die Eucharistie nicht ans der Brust tragen
konnte, dieselbe außer in Corporale und
Bursa noch in diesem Kästchen verwahrt
wurde.

Das Kästchen befindet sich heute in
der Sammlung des Vereins für Kunst und
Alterthnm in Reutlingen.

Wir stehen hier an einem jener Punkte,
wo wir zu unserer Beschämung erkennen
müssen, wie sehr sich'uns das feine litur-
gische und künstlerische Gefühl abgestumpft
hat, das dem Mittelalter eigen war und
sich bis ins Kleinste erprobte. Auch hier
dürften wir wieder lernen und nachahmen.
Sehen wir darauf, den Corporalien fürs
heilige Opfer und für die Krankenprovision
ähnliche schützende und kunstgerechte Be-
hälter zu schassen. In den Kästchen für
Aufbewahrung des Kelches ließe sich leicht
ein kleines Schubfach anbringen zur Auf-
nahme des Corporalienbehältnisfes.

Der mittelalterliche pfyyftologus.

Von Stadtpfarrer E. Keppler
in Frendenstadt.

In der alten Gelehrtenstadt Alexandrien
hat in frühester christlicher Zeit ein christ-
licher, sonst aber unbekannter Verfasser auf
Grund uralter naturgeschichtlicher Ueber- '
liefernngeu, sei es, daß er sie den Quellen
selbst entnahm, oder ans einem schon vor- j
handenen Sammelwerk schöpfte, jenes Thier-
fabelbnch zusammengestellt, „das schon im
christlichen Alterthum und dann durch das
ganze Mittelalter hindurch einer (die hl.
Schrift natürlich ausgenommen) fast bei-
spiellosen Verbreitung sich erfreute". Es
ist dieses der Physiolognö, dessen Geschichte
neuerdings Dr. Friedrich Lauch ert
eine höchst interessante Monographie ge-
widmet hat. Er selber führt den Physio-
logus ein als „eine populär-theologische
Schrift (vielleicht zu Unterrichtszwecken be-

J) Geschichte des Physio log us. Straß-
burg, Trübner 1889. Xlll. und 812 S> Preis
10 Mark.

stimmt), welche in allegorischer Anlehnung
an Thiereigenschaften die wichtigsten Sätze
der christlichen Glaubenslehre zum Aus-
druck bringt und andere Thiereigenschaften
als nachzuahmende oder abschreckende Bei-
spiele den Menschen für ihren Lebens-
wandel mahnend und belehrend vorhält"
(S. 1. 46). Da der unbekannte Verfasser
seine Gewährsmänner regelmäßig mit der
Wendung einführt: „Der Physiolog (d. i.
der Naturkenner) sagt", so wurde sein Buch
kurzweg mit diesem Namen genannt. Daß
er unter dem „Natnrkenner", auf welchen
er sich beruft, nichteinen bestimmten Bücher-
titel (einen „Urphysiologus") verstanden
wissen will, betont Di*. Lauchert mit Recht.
„Auch ist durchaus nicht der mindeste Grund
vorhanden, weßhalb nicht von Anfang an
der Physiolognö in der Gestalt sollte ent-
standen sein, wie wir ihn, freilich in den
verschiedenen Ueberliefernngen vielfach ent-
stellt, noch haben" (S. 45). Aber auch daß
bei dieser Redewendung an einen be-
stimmten Autor zu denken sei, ans
dessen Schultern unser unbekannter Ver-
fasser stehen sollte, will uns nicht ein-
lenchten. Nach einer Ueberliefernng wäre
dieser Natnrkenner kein anderer als Salamo
— nicht unpassend, wie schon St. Am-
brosius zu der Physiologns-Geschichte vom
Rebhuhn bemerkt, »si^uiclem et Salomo
cognovit naturas animalium et locutus
est de pecoribus, de volatilibus et de
reptilibus et de piscibus«. Nach dem
Titel des Cod. Vindob. Theol. 128 findet
Lauchert es wahrscheinlich, daß in diesem
Buch Ari st0 te les als Gewährsmann für
die erzählten Geschichten aufgeführt fei
(S. 44). Uns däncht, daß der Ausdruck:
„der Natnrkenner sagt" gar nichts anderes
zu bedeuten brauche und ursprünglich nichts
anderes bedeuten sollte, als: die Natur-
kunde sagt, die natnrgeschichtlichen Quellen
sagen, und daß man erst später sich be-
j müßigt gefunden, dahinter eine konkrete
! Persönlichkeit zu vermnthen. Bekanntlich
wird nicht bloß in den neueren, sondern
auch in den klassischen Sprachen die Ein-
zahl oft kollektiv bei Bezeichnung von Klas-
sen der Menschen angewendet.

Aus diesem Schatze naturwissenschaft-
licher Ueberliefernng also hat unser nr-
christlicher Allegoriker wie ein kluger Haus-
vater Altes und Neues heransgegriffen,
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