Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 20
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ins Museum nach Stuttgart kam (Nr. 430
und 432): Der Heilige bekennt vor dem
Kaiser Diokletian und dessen Mitkaiser Maxi-
mian', denen wie in der Legenda aurea
der Präfekt Dacian beigegeben ist, offen
seinen Glauben als Christ. Die Hinrich-
tungen im Vordergründe sollen die Veran-
lassung zu Georgs Auftreten vor dein Kaiser,
nämlich die große Christenverfolgung, an-
deuten.

Literatur.

Die dekorative Kun[tfticfevei. I.
Aufnäharbeit von Frieda Lipper-
heide. Berlin 1890, Franz Lipper-
heide. 72 S. Fol. Preis 5 M.

Musterblätter für künstlerische
Handarbeiten. Herausgegeben von
Frieda Lipperheide. II. Sammlung.

Ebenda 1890. 32 S. Text, 12 Mn-

sterblätter in 4o. Preis 3 M.

Auf diese Editionen der Verlagshandluug der
„Modenwelt", welche im vorigen Jahr in einem
stattlichen Bande eine reich illustrierte Geschichte
ihres 25jährigen Bestandes veröffentlichte, muß
man kunstsinnige weibliche Kreise aufmerksam
machen. Die ganz vortrefflichen Anweisungen
und Musterblätter können nicht bloß für ge-
schmackvolle Ausstattung der Wohnung, sondern
auch für den Schmuck der Kirche die besten
Dienste leisten. Das erste der obigen Werke gibt
eine vorzüglich geschriebene Anleitung für die
lange Zeit sehr vernachlässigte, so dankbare und
wirkungsvolle Aufnäh- und Applikationsstickerci,
die besonders für kirchliche Wand- und Fuß-
teppiche Verwendung finden kann. Die Anivei-
suug tvird durch eine Menge von Illustrationen
erklärt; kleinere Vorlagen sind in den Text ver-
woben und mit genauen Angaben für die Aus-
führung versehen; größere bringen die 15 ange-
fügten Holzdrucktafeln. Das zweitgenannte Werk
enthält zwölf herrlich ausgeführre polychrome
Borlagetafeln, deren Bin st er im vorausgeschickten,
ebenfalls reich illustrierten Text erklärt und be-
züglich der Technik genau durchgesprochen worden.
Wir finden hier orientalische, serbische, spanische,
bulgarische, venezianische Motive verwendet.
Manche Zeichnungen sind so würdig und edel,
das; man sie unverändert selbst in die Kirche
übertragen dürfte. Frauenhände, die des Stickens
einigermaßen kundig sind, könnten an diesen
beiden Werken sich schule» und zu schönen Lei-
stungen zum Schmuck der Kirche sich befähigen.
Das Lehrverfahren dieser Werke ist rationell;
nicht auf Künsteleien ist das Absehen gerichtet
und nicht auf Textilwerke, welche an Zeit und
Geduld ungemessene Ansprüche machen, es wird
vielmehr eine Technik gelehrt, welche jedes lernen
und mit der jedes etwas Geschmackvolles zu
Stande bringen kann. Muster und Vorlagen
aber verdienen wegen tüchtiger stilistischer Hal-
tung und vortrefflicher Wiedergabe alles Lob. —

Stuttgart, Buchdruckerei der

Der W e st b a u des Ai ü n st e r s z u
Essen. Ausgenommen, gezeichnet und
erläutert von Georg Humann in
Essen. Mit 3 Tafeln und 24 Figuren
in Text. Essen 1890. Im Selbst-
verlag des Verfassers. 4o 44 Seiten.
Preis 4 M.

Auf das hochwichtige Bauwerk des Essener
Münsters hatte erstmals 1856 Quast nachdrück-
lich aufmerksam gemacht und demselben eine
Stellung angewiesen, welche es seitdem in der
Kunstgeschichte beibehalten hat. Er bezeichnete
nämlich den wichtigsten Teil desselben, den West-
bau als direkte, ;a sklavische Nachahmung der
Aachener Pfalzkirche und als solche wurde er
seither behandelt. Dem Verfasser gebührt das
große Verdienst, diese Thesis mit aller Gründ-
lichkeit untersucht und als unrichtig erwiesen lind
damit einen Fehler der Kunstgeschichte von nicht
geringen Folgen beseitigt zu haben. Die Haupt-
ergebnisse seiner überaus sorgfältigen und sach-
verständigen, von zahlreichen Zeichnungen be-
gleiteten Untersuchung sind folgende. Die ur-
sprüngliche, 873 vollendete Altfried-Basilika wurde
nach dem Brande von 944 oder 946 wieder aufge-
bant, aber nicht alsbald, sondern erst etwas später
durch den Westbau vergrößert, tvohl erst gegen Ende
des 10. Jahrhunderts. Es waren nicht einhei-
mische, sondern wohl ein italienischer, näherhin
lombardischer Baumeister, welcher den West-
ban entwarf. Mit dem Aachener Bau hat der
Essener Westbau gar keine nähere Verwandtschaft;
die ganze Anlage lvie bauliche Einzelnheiten sind
durchaus verschieden; die wenigen Berührungs-
punkte weisen auf keine direkte Beziehung zwi-
schen beiden. Die charakteristische Eigenart des
Essener Baues läßt sich ivohl begreifen und stellt
sich dar als geistvolle Lösung des dem Bau-
meister gestellten Problems, die Basilika nicht
bloß zn erweitern, sondern den Anbau mit eineni
Chor, einer Empore und einem Thurm zu ver-
sehen; unter diesem Gesichtspunkt erscheint das
auf den ersten Blick Absonderliche uuv Gesuchte
in der Anlage als das Einfachste und Nahe-
liegendste. Der merkwürdige Bau ist also aus der
bisherigen Verbindung mit dem Aachener Mün-
ster wieder anszulösen und als würdigster Ver-
treter der Baukunst unter der Herrschaft der
Ottoneu für sich zu stellen und hoch zn wertheu,

— als Vertreter jener Architektur, welche bereits
einigermaßen aus der Antike heraustritt und
den romanischen Stil aukündigt und eiuleitet.

— Die Ausführungen des Verfassers sind über-
zeugend und verdienen alle Beachtung. —

Dieser Nummer liegt ein Prospekt bei von
der Herderschen Verlagshandlung in Freiburg
i. Br., behandelnd: „Die Katakombengemälde
und ihre alten Kopien" und „Prinzipienfragen
der christlichen Archäologie".

kt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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