Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

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worden seien; Gläubige geben Meßstipen-
dien mit der ausdrücklichen Bedingung,
daß die Messe in einer Casel neuer Form
gelesen werde, ja es fehle nicht an Pfarrern,
welche ein größeres Stipendium beanspru-
chen, wenn sie in einer solchen Casel cele-
briren. Rom selbst sei nicht freigeblieben
von Aergerniß; denn als der schon (Nr. 24)
erwähnte Priester es gewagt habe, in einer
gothischen Casel zu celebriren, sei unter
andern ein durch Gelehrsamkeit und Ge-
setzeskenntniß sehr achtbarer Mann, ob-
wohl Laie, durch die Neuheit der Sache
so in Erregung gekommen, daß er sich
nicht habe enthalten können, sogleich die
kirchliche Auktorität voll Entrüstung an-
znrnfen, und jenen Geistlichen als Ver-
rückten zur Anzeige git bringen (tanquam
mente captum denuntiaret. Nr. 62).
Durch solche Neuerung werde weiteren,
unabsehbaren Thür und Thor geöffnet
(Nr. 63, 64), und für sie könne man sich
ans Roms Weitherzigkeit und Jndulgenz
nicht berufen (Nr. 65—68).

(Fortsetzung folgt.)

Der mittelalterliche physiologus.

Von Stadtpfarrer E. Keppler
in Freudenstadt.

(Fortsetzung.)

Nun diese geraden Pfade — unser
Physiologus schlägt sie durchweg ein. Seine
Geschichten treffen in ihrer unmittelbaren
Beziehung den Nagel stets aus den Kopf
und lassen die Wahrheiten, die sie sich vor-
setzen zu symbolisiren und die eine verfehlte
Allegorie nur verschleiert, wie mit Einem
Schlage heranstreten. Znm Beweise dessen
führe ich gleich die erste beste Erzählung
an, die vom Löwen. Gleich zu Anfang des
Buches wird erzählt: „Der Löwe hat drei
Eigenschaften, a. Er verwischt seine Spur
mit dem Schweif, damit ihn die Jäger nicht
ausspüren können. Dies bedentetdie'Mensch-
werdung des Herrn, ein Geheimniß, das den
himmlischen Mächten (und dem Teufel, setzen
spätere Physiologi hinzu) verborgen war.
b. Wenn der Löwe schläft, so wachen doch
seine Augen, d. h. sie sind offen. So schlief
zwar der Leib Christi jm Kreuzestod, seine
Gottheit aber wachte zur Rechten des Va-
ters. e. Die Löwin gebiert ihr Junges tobt;
am dritten Tage aber kommt der Vater,

bläst ihm ins Gesicht und erweckt es da-
durch zum Leben. Dies bedeutet die Auf-
erstehung des Herrn am dritten Tage." Wie
man sieht, fehlt es der Darstellung unseres
Physiologus an zwei Eigenschaften, womit
dagegen gewisse neuere Erzeugnisse desto
mehr gesegnet sind: an Gedankenblässe und
Dürre.

Sind die einzelnen Züge des soeben
besprochenen Bildes schon in alten Quellen
wenigstens grundgelegt und von dem Phy-
siologns nur variirt und frei behandelt —
er weiß z. B. was frühere nicht gewußt,
daß der Löwe todt geboren und erst am
dritten Tage belebt werde — so tragen
dagegen seine Angaben über den sagenhaften
Vogel Charadrius schon den Stempel ab-
sichtlicher Weiterbildungund wesentlicher Um-
arbeitung des Altüberlieferten zum Zwecke
der von ihm beabsichtigten Deutung. Aelian
berichtet von der Heilung der Gelbsucht
durch den Blick dieses Vogels. Plinius
meldet dasselbe nicht vom Charadrius, son-
dern von einem nach der Gelbsucht benann-
ten Vogel Jkteros. Dem fügt Plntarch bei,
daß dieser Vogel, sobald der Blick des Kran-
ken ihn treffe, die Neigung habe, zur Seite
zu schauen und die Angen zu schließen.
Was macht aber unser Autor ans der Ge-
schichte ? „Der Charadrius," sagt er, „zeigt
an, ob die Krankheit eines Menschen, an
dessen Bett er gebracht wird, tödtlich sei
oder nicht. Jm elfteren Fall wendet der
Vogel sich ab; soll der Kranke aber am
Leben bleiben und genesen, so sieht der
Vogel ihn an und zieht die Krankheit in
sich. So wandte der Heiland von den Ju-
den wegen ihres Unglaubens sein Antlitz
ab und kam zu den Heiden, nahm ihre
Schwächen ans sich und trug ihre Krank-
heiten und machte sie gesund" (S. 7). Da-
mit ist das ursprünglich von einer bestimm-
ten Krankheit gesagte verallgemeinert, der
von Plntarch beigefügte Zug aber znm be-
stimmten Zweck weiter ausgesponnen —
und der gewünschte Sinn ist da. Manch-
mal gibt irgend eine Stelle der hl. Schrift,
die dann meist im Text anfgeführt wird,
dem natnrgeschichtlichen Stoff Gestalt und
Halt. Das Citat Job 4, 11: „Der Löwe
kam um, weil er keinen Raub hatte", ver-
anlaßt die Fabel von dem Ameisenlöwen,
welcher, halb Löwe und halb Ameise, bald
nach seiner Geburt nmkommt ans Mangel
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