Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

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an einer getesteten Nahrung: eine Fabel, j
mit der man eben jene Stelle erklären zn I
können meinte! Die Beschreibung des sagen-
haften Banmes Peridexion, ans bent die
Tanben sitzen und vor den Nachstellnngen
des Drachen sicher sind, verräth den Ein-
flnß der Parabel vom Himmelreich unter
dem Bild eines Banmes, in dessen Zweigen
die Vögel des Himmels wohnen. Eine bib-
lische Vorstellung ist hier mit einer natur-
geschichtlichen verschmolzen, mit der Vor-
stellung nämlich, die wir bei Plinins fin-
dett, die Esche sei gegen Schlangengift so
wirksam, daß die Schlange sich nicht ein-
tnal in den Schatten dieses Baumes träne
(S. 29). Die Geschichte von der Ver-
jüngnng des Adlers, worin wir, wie schoit
bemerkt, nichts anderes als die poetische
Ansgestaltttng und Ansschmücknng des Matt'
sents zn ertennen haben, lehnt sich an die
Psalmstelle 102, 5 an: „Es wird sich er-
neuern gleich dem Adler deiite Jugend."
Die sonst von keinem alten Schriftsteller
überlieferte Sage, daß das Nebhnhtt fremde
Eier stehle und sie dann ausbrüte, findet
sich, abgeseheit vom Begriff des Stehlens,
bei Jerem. 17, 11.

Andere Umdichtungen alter Geschichten
im Physiologns zeigeit, wie er es meister-
haft versteht, dem Schlimmen eilte günstige
Seite abzngewinnen — natürlich nur für
seine allegorischen Anslegttttgen —, Heid-
nisches in Christliches und Grobsinnliches
in Geistiges und Ideales zu übersetzen.
Man lese, um sich hievon zu überzeugen,
die drei Artikel vom Panther, von der
Taube und vom Einhorn (S. 19.30.23).
Wieoer aitderes entlehnt er fast unverändert
von beit Alten und knüpft seine Lehren
daran, so den Adler, der seine Jungen
in die Sonne blicken läßt, um sie zu er-
proben; die Ameise, welche die erbeuteten
Körner anbeißt, damit sie nicht ansschlagen;
den Igel, der den Weinstock plündert und
die Beeren fortträgt (S. 10. 17 s.). Unter
den Thieren, die vom Physiologns selbst
gezüchtet worden, wenigstens nicht ans
anderen bekannten Gehegen in das seinige
übergetreten sind, nehmen (zum Theil als
alte Bekannte) unsere Aufmerksamkeit in
Anspruch: der Pelikan; „dieser zeichnet
sich durch die große Liebe zu seinen Jungen
ans. Wenn diese aber heranwachsen, so
schlagen sie ihre Eltern ins Gesicht und

diese schlagen sie wieder und tobten sie
dadurch. Dann aber erbarmen sie sich
und am dritten Tage kommt die Mutter
(nach andern Texten der Vater), öffnet
ihre Seite und läßt ihr Blut auf die
tobten Jungen träufeln, wodurch sie wie-
der lebendig werden.

(Fortsetzung folgt.)

Entwurf eines Tabernakels im
Renaissancestil.

Schon des öftern haben wir uns mit
den zahlreichen Altären der Spätzeit, des
Barock- und Zopfstils befaßt, welche sich
noch in unseren Kirchen vorfinden, sowie
mit den praktischen Fragen, welche sich da
und dort an dieselben anknüpfen. In der
Frage: ob belassen, ob entfernen, huldigen
wir insofern einem Conservatismns, als
wir für Beibehaltung dieser Altarwerke ein-
treten, wo immer der Stil der Kirche nicht
allzu laut gegen sie protestirt und wenn
immer an diesen Werken selbst ein wirklich
künstlerischer und tüchtiger Charakter sich
knndgibt. Freilich, selten wird man eine
unveränderte Beibehaltung empfehlen
können; oft wird Entfernung unschönen
Schnökelwerks oder laseiven Bilderwerks
zu verlangen, manchmal Entlastung von
einem ans die ganze Kirche drückenden,
phantastisch ansgeputzten Krönnngsanfsatz
zu empfehlen sein. In den weitaus meisten
Fällen aber wird sich gebieterisch das Be-
dürfniß eines andern, würdigen Taber-
nakels einstellen.

Meist hat die Einfügung eines neuen
Tabernakels in den alten Ban keine be-
sondere Schwierigkeit, außer daß man viel-
leicht in den Höhenmaßen etwas beengt
ist, worauf beim Entwurf des Tabernakels
Rücksicht genommen werden muß. Eben
weil dieses Bedürfniß häufig eintritt, ge-
denken wir im „Archiv" einige Zeichnungen
solcher Tabernakelbauten zu geben und
machen mit der Beilage dieser Nummer
den Anfang.

Der Tabernakel, welchen die Beilage
in Vorder- und Seitenansicht zur Dar-
stellung bringt, ist in den Maßen so be-
rechnet, daß er für eine gewöhnliche Pfarr-
kirche durchaus genügt. Sein Ban ist
nicht unnöthig in die Höhe gebildet, so daß
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