Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 25
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0.5
1 cm
facsimile
er in jedem größeren Zopfaltar Platz finden
kann; sollte er je die Bildrahme über-
schreiten oder noch etwas ins Bild hinein-
reichen, so hat das nichts zn sagen. Für
den untern Tabernakel reichen 33 cm lichte
Höhe, ebenso 63 cm für den oberen, bezw.
für den Thürbogen der oberen Nische. Für
beide sind nicht Flügelthürchen als Verschluß
vorgesehen, welchenach außen sich öffnen, son-
dern je eine eintheilige Thüre, die sich ins In-
nere der Tabernakelnischen, hinter deren Vor-
hang zurückschieben läßt. Ist die Mensa
von normaler Höhe und Breite, so ist der
untere und obere Tabernakel ohne Tritt
erreichbar; nur um die Monstranz ganz
in den oberen einzustellen, wäre ein Schem-
mel von mäßiger Höhe erforderlich. Der
untere Tabernakel wird kräftig slankirt
von den breiten Stühlen, ans welchen die
oberen Säulen ruhen ; in die mit Ornament
gefüllten Felder der Stühle könnten Arm-
leuchter eingelassen werden. Der Oberbau
zeigt eine reiche und festliche Portalarchi-
tektur; die zwei vorgelegten Säulenpaare
mit dem gleichfalls vorstehenden oberen
Architrav und Giebeldach (vgl. die Seiten-
ansicht) und mit dem reich geschnitzten Thür-
bogen bilden einen würdigen Expositions-
thronus. Die Exposition kann auch aus
mehrfache Weise vorgenommen werden, was
eine willkommene Steigerung der Solennität
ermöglicht; das Ciborinm wird exponirt
auf der Cousole, auf welcher das Kreuz
steht, bei geschlosseuer Thüre des oberen
Tabernakels; eben da wird auch an den
Festen nicht höchsten Ranges die Monstranz
exponirt; den Baldachin bildet in diesem
Fall das stark vorstehende Tabernakeldach;
an den höchsten Festen wird der obere
Tabernakel geöffnet und die Monstranz
gerade unter den Thürbogen eingestellt,
wobei der weißseidene Vorhang der oberen
Nische theilweise sichtbar ist. Auch die Seiten-
theile sind nicht schmucklos gelassen; sie
ziert besonders die Dreizahl der Säulen.
An den Tabernakel schließen sich die Leuchter-
stufen an, welche mit Marmor ansgelegt
werden könnten. Der Entwurf zeigt sehr
wirksame architektonische Linien und gibt
innerhalb derselben noch reiche Gelegenheit
zu seiner Auszierung mit geschnitztem Or-
nament, mit Gold und Farbe, mit ver-
schiedener Behandlung und Tönung des
Holzes.

Aber Ein Bedenken möchte wohl bei
manchem der Entwurf Hervorrufen. Wie
soll sich dieser Tabernakel in den Formen
der Renaissance einem Altar des Barock-
nnd Zopfstils eingliedern lassen? Wo bleibt
hier das Gesetz der Stileinheit?

Ans diesen Einwand antworten wir zu-
nächst, daß wir wie bisher so künftig un-
entwegt an dem Grundsatz festhalten, es
seien neu zu beschaffende Jnveutarstücke
für Barock- und Zopfkircheu nicht im Stile
dieser Kirchen, sondern im Stil der Re-
naissance, womöglich der reinen oder Früh-
renaissance zn erstellen. So sehr wir tüch-
tige Werke des Spätstils zu würdigen wissen
und schützen, so wenig können wir ein Ar-
beiten unserer christlichen Kunst in diesen
Stilen befürworten oder zugeben. Das
Gesetz der Stileinheit hat für uns nicht
Gewicht genug, um ein Arbeiten in diesen
Stilen durch dasselbe rechtfertigen zu kön-
ueu, in Stilen, welche zu leicht ins Pro-
fane Umschlagen und welche überdies unser
heutiges Knnsthandwerk nicht einmal tüchtig
zu handhaben versteht. Wir möchten am
allerwenigsten einen Tabernakel in diesen
Stilformen fertigen lassen, sondern rathen
ernstlich, die nothwendig werdenden neuen
Tabernakelbauten für Zopfaltäre bloß im
Renaissancestil herzustellen. Geht aber da-
mit nicht alle Harmonie verloren? Die
Stildifferenz wird natürlich sichtbar sein,
vielleicht sogar ausfallend. Aber in welcher
Weise wird sie in Empfindung treten? Wer
etwas versteht und ein normales Auge hat,
wird alsbald erkennen, daß der Stil des
Tabernakels reiner und besser ist, als der
des übrigen Altars. Die Differenz wird
also zu Gunsten des Tabernakels wirken,,
und das kann uns nur erwünscht sein. So
hilft der Unterschied im Stil mit, den
Tabernakel als das erscheinen zu lassen,
was er sein soll, als den vornehmsten Theil
des Altars.

Sine Areuzigungsgruppe als Grab-
monument.

Von Pfr. Detzel in St. Christina bei Ravensburg.

Auf dem Gottesacker zu Weingarten ist
in den letzten Wochen ein Denkmal fertig
gestellt worden, das sowohl hinsichtlich seiner
künstlerischen Ausführung als der Kostbarkeit
seines Materiales in unserem ganzen Lande,
ja vielleicht über die Grenzen desselben hin-
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