Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 31
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Man sieht, nach dem Wortlaut des
gestrengen Knnstrichters wäre uns sogar
die wohlberechtigte Freude an hohen, ge-
räumigen Kirchen und an einem kunstvol-
len und kostbaren Kirchenschmuck verwehrt.
Allein es ist gar nicht der Kunstrichter,
es ist der weltverachtende Sittenlehrer, der
hier spricht. Im Namen der Armut, im
Geiste seines die Einfachheit liebenden Or-
dens verurtheilt er allen, wie er meint,
unnöthigen Reichthum im Gotteshaus: „Wie
paßt das für Arme, für Männer des Gei-
stes , für Mönche? Wenn man sich sol-
cher Spielereien nicht schämt, so sollte man
wenigstens die Kosten scheuen", und von
der Höhe seiner der Sinnenwelt völlig ent-
rückten Andacht, welche er auch seinen
Mönchen wünscht, sieht er in den seltsamen,
namentlich Thiergestalten in Kirchen und
Klöstern, die übrigens dem mittelalterlichen
Beter Stufen znm Uebersinnlichen waren,
nur eitel Spielerei, ja Anlaß zu Zerstreu-
ungen. Lassen wir ihn aber von seinem
idealen Standpunkt wieder ans den Boden
der Wirklichkeit herabsteigen, dann wird
auch er, wie die Besten seiner Zeit, in die-
sen Kleinigkeiten Fingerzeige nach oben und
Hinweise auf das Geistige und Göttliche
erblicken. Der Sprung aus dem Reiche
des Sinnlichen in das des Uebersinnlichen
hatte damals, dank der herrschenden, überall
verstandenen Symbolik, keine Schwierig-
keiten. Bon den anscheinend tollsten Aus-
geburten der Kunst zur Betrachtung der
tiefsinnigsten Wahrheiten war die Brücke
schon geschlagen und der Uebergang war
noch erleichtert durch die Ungezwungenheit,
mit der sich unsere Voreltern in den Ge-
gensätzen von Erhabenem und Lächerlichem,
von Ernst und Scherz bewegten und von
dem einen unvermittelt in das andere über-
sprangen. Gerade bei ungekünstelten Men-
schen tritt dem Ernst der Idee ein tieferes
Aufathmen der Lebenslust gerne gegenüber.
Beides schadet einander so wenig, daß im
Wetterleuchten der letzteren die Schatten
des ersteren um so stärker hervortreten.
Von diesem Gesichtspunkte sind die komi-
schen Intermezzos im Nibelungenliede, die
spaßhaften Ein- und Ausfälle in den
Randzeichnnngen mittelalterlicher Andachts-
bücher, in den Todtentänzen und sogar
in der Leidensgeschichte, ja schon ge-
wisse Karikaturen in der doch sicher-

lich hochernsten altägyptischen Kunst zu
beurtheilen.

Wie aber im Wesen und in der Kunst
unserer Voreltern sich sinnliche Heiterkeit
und tiefes Gefühl paaren, ohne daß das
eine dem andern Eintrag thnt, so steht
auch weiterhin ihr mnthwilliger, häufig
derber Spaß der Keuschheit und Sitten-
reinheit nicht entgegen. — Aengstliches
Splitterrichten und frömmelndes Angen-
verdrehen sind bekanntlich nichts weniger
als zuverlässige Anzeichen der Herzensrei-
nigkeit und Tugendhaftigkeit. — Ja, wie
mehrere, nach unseren Begriffen zu sehr
entschleierte Erzählungen des alten Testa-
ments sicherlich auf ganz moralischem
Grunde stehen, so sollten auch gewisse, etwas
deutliche und den heutigen Vorstellungen
von Anstand nicht ganz entsprechende Dar-
stellungen in Friesen und Kapitellen, an
Chorstühlen und Kanzeln nach der Absicht
derer, welche sie anbrachten, der Bekämpf-
ung der Laster und der Erziehung des
Volkes dienen. — Nach der Absicht der-
jenigen, welche sie anbrachten und für
welche sie angebracht wurden: denn durch
die moderne Brille betrachtet mag aller-
dings manches wie eine Zote sich ausneh-
men, worin die gute alte Zeit nichts als
eine symbolische Andeutung, ein sittliches
Gleichniß, eine eindringliche Predigt sah.
Jene fraglichen Gebilde können nur aus
dem ganzen Denken und Fühlen des Mit-
telalters heraus erklärt werden, wie um-
gekehrt ihre objektive Erklärung wieder
neues Licht in die Tiefe des Gemüthslebens
unseres Volkes zu werfen geeignet ist.

Für die eine wie für die andere Be-
trachtung: ob man das Sittengeschichtliche
oder das Kunstgeschichtliche in den Vorder-
grund stellt, bietet das vor bald 30 Jahren
erschienene, in Deutschland aber wohl nie
bekannt gewordene Buch „Geschichte der
Karikatur und des Grotesken in Litteratur
und Kunst" von dem Engländer Thomas
Wright eine Fülle seltenen Stoffes, gründ-
licher Untersuchungen und ansgewählter Ab-
bildungen. Als Archäolog, Geschichtschrei-
ber und Kritiker überläßt er die Frage
nach dem Wesen des Komischen oder
Lächerlichen den Aesthetikern und forscht
dagegen seinen geschichtlichen Erscheinungs-
formen sowie dem sozialen Einfluß, den
es ansgeübt, desto eingehender nach. Ebenso
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