Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 32
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unterhaltend als belehrend ist es, an der
Hand des kundigen Führers den Spuren
des neckischen Geistes bei Aegyptern, Grie-
chen und Römern nachzugehen, ihn sodann
bei den Tafelfreuden und Volksbelustig-
ungen der Teutonen und Angelsachsen sein
Unwesen treiben und in den Dekorationen
der Profan- und Kirchenbauten — mit-
unter bis ins Heiligthum hinein — seine
Purzelbäume schlagen zu sehen. Die Un-
tersuchungen des Verfassers über Scherz,
Spott, Karikatur und Parodie bei unfern
Voreltern, über ihre „gleich starke Vorliebe
für Schreckhaftes wie für Lächerliches,
wobei sie selbst mitten in ihren Schreckens-
scenen immer wieder in das Groteske ver-
fielen," berühren sich oft mit der kirchlichen
Kunst des Mittelalters und sind mit Bei-
spielen ans derselben belegt. Die gründ-
lichen Ausführungen über Parodien auf
das Heilige, über angebliche Spottbilder
auf den Klerus, groteske Teufelsdarstel-
lungen, satirische Sittenschildernngen, Thier-
komik u. dgl. rufen eine Reihe von Fra-
gen ins Gedächtniß, welche die Archäologen
schon vor Jahren, aber immer noch nicht
genug beschäftigt haben. Ich erinnere nur
an die Streitfrage: In wie weit die seit

der Mitte des l2. Jahrhunderts beginnende
Ausübung der kirchlichen Kunst durch Laien
der vorher ausschließlichen Beherrschung der
Künste durch die Geistlichkeit Schranken
gezogen habe.

Allerdings geht der Verfasser ans solche
und ähnliche Fragen nicht näher ein, aber
er regt mittelbar das Nachdenken darüber
an. Sein Urtheil mag zuweilen einseitig
sein; namentlich bringt er den karikirenden
und übertreibenden Maßstab der Satire
zu wenig in Anschlag. Dafür ist der
Leser in Stand gesetzt, selbst zu urtheilen.
Auch an sich dunkle Thatsachen kann er
manchmal durch das Licht, das er von
andern helleren Erscheinungen auf sie lei-
tet, anfhellen. In dem Lichte nun, das
Einzelheiten dieses Buches aufeinander
selbst werfen, wenn man sie gehörig zu-
sammen gruppirt und in der Gestalt, die
sie in meiner Vorstellung angenommen,
möchte ich sie hier (und wenn sie auch nicht
zu einem abgerundeten Ganzen zusammen-
gehen) zur Sprache bringen, um auch an-
dere an dem Genuß, welchen mir die Lek-
türe gebracht, Antheil nehmen zu lassen.

Bevor wir uns aber mit unserem Englän-
der auf die komischen Erscheinungen im
engeren Sinn werfen, wird es gut sein,
sich zuvor auf dem Gebiet des Phantasti-
schen in der mittelalterlichen Kunst, das
den weiteren Kreis darstellt, ein wenig um-
znsehen. (Forts, folgt.)

Der mittelalterliche phpsiologus.

Von Stadtpfarrer E. Keppler
in Freudenstadt.

(Fortsetzung.)

„So verwarf Gott die Menschheit nach
dem Sündenfall und übergab sie dem Tode;
aber er erbarmte sich unser wie eine Mut-
ter, da er durch seinen Kreuzestod uns
mit seinem Blut zum ewigen Leben er-
weckte" (S. 8). Der Fuchs, welcher sich
tobt stellt, um die Vögel, die sich auf ihn
setzen, zu fressen: Bild des Teufels, der
diejenigen verschlingt, welche sich von ihm
täuschen lassen. Der Walfisch, der durch
einen seinem Rachen entströmenden Wohl-
geruch die kleinen Fische anlockt oder seinen
breiten Rücken wie ein Eiland den Schiffern
zum Anlanden darbietet, um dann mit
ihnen in die Tiefe zu fahren: ebenfalls
Symbol teuflischer Nachstellungen. Die
weitsichtige D o r k a s oder Steingeis, welche
die hohen Berge liebt; „die Berge bezeich-
nen die Propheten und Apostel, welche der
Herr liebt; der scharfe Blik der Dorkas
bedeutet, daß er alle unsere Werke sieht."
Endlich das edelste Sinnbild der Aufer-
stehung, der Phönix: dieser allerdings
nur nach zwei Seiten seines Wesens, aber
nach den beiden bedeutsamsten, nämlich
seiner Verbrennung und seiner Wiederbe-
lebung, wovon außer einer schwachen An-
deutung bei Statins und Martialis in kei-
nem alten Autor etwas zu lesen. (Daß
im klebrigen die Phönixsage aus Aegypten
stammt und durch Herodot in den Jdeen-
kreis der Griechen überging, ist bekannt.
(Vgl. S. 8. 18. 20. 33. 10.)

Gibt es aber allegorische Thierfignren,
die, wenn auch nicht ihr ganzes Dasein,
doch den besseren Theil ihres Wesens un-
serem unbekannten Autor verdanken: seine
Methode selbst verdankt ihm deßwegen ihr
Dasein doch nicht. Trotz der allegorisie-
renden Richtung des orientalischen Geistes
und trotzdem diese Richtung eben im Lande
der Hieroglyphen, also in der Heimat des
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