Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

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nisse der Allmacht und Weisheit des
Schöpfers sind." — „Für uns, so bemerkt
schon der hl. Augustin zum 102. Psalm
anläßlich der (auch im Phvsiologns vor-
kommenden) Erzählung vom Adler, der
seine Schnabelspitze, wenn sie zu lang ge-
wachsen, an einem Felsen abwetzt — für
uns ist die Hauptsache, die innere Bedeu-
tung einer Erscheinung zu erfassen und nicht
ihre Aechtheit zu untersuchen." Dieser
Hang, nicht das äußere Zeichen, sondern
den innern Gehalt, nicht den Buchstaben,
sondern ben Geist aufzugreifen: dieser
Hang, der (dem Morgenländer in Fleisch
itnb Blut übergegangen) in der hl. Schrift
so tiefe und weitverzweigte Wurzeln ge-
trieben, den die hervorragendsten Lehrer
der ersten christlichen Zeit in sich ans- itnb
ihre Nachfolger von ihnen angenommen,
er ist der Geist der mystischen Zoologie,
Mineralogie und Botanik, er ist das Grund-
legende in der symbolischen Weltanschau-
ung des Christenthums. Dieser Geist war
lange lebendig, ehe er die eingebildete und
doch so bildsame Welt des Physiologus
geschaffen: so hielt schon Klemens von Nom
den Leugnern der Auferstehung des Flei-
sches unter anderen Beispielen aus der
Natur das des Phönix (nur in der von
Ovid und Plinius überlieferten Weise)
entgegen (S. 46), und schon Melito von
Sardes, welcher zu Mark Aurels Zeit
lebte, glaubte in seinem „Schlüssel" der
christlichen Sinnbildnerei gar alles Geistige
versinnlichen, gar allem Sinnlichen eine
geistige Bedeutung abgewinnen zu müssen.
Dieser Geist trieb auch nach dem Physio-
logus bald in engerer, bald entfernterer
Berührung mit ihm seine Blüten: die
reichsten in jener fast unabsehbaren Reihe
von Kommentaren zum biblischen Sechstag-
werk, welche in mystisch-allegorischer Weise
die Größe des Schöpfers preisen und unter
denen die gehaltvollsten die von St. Basi-
lius und von Ambrosius sind. Zuletzt
schlingt dieser Geist, indem er in alle
Uebertriebenheiten Melitos znrückfällt, in
den Bestiarien, Bolnkrarien, Lapidarien
seine allegorischen Fäden so dicht, daß er
am Ende sich selbst nicht mehr durchzu-
winden vermag.

Es ist nicht dieser allegorische Geist
überhaupt, dessen Spuren der Verfasser
verfolgt, es ist nur die Geschichte Eines

allegorischen Buches, aber er unterzieht sich
dieser Aufgabe mit solchem Fleiß, daß
man manchmal wirklich eine Geschichte
der christlichen Allegorie im Allgemeinen
vor sich zu haben meint. Aufs Eingehendste
erforscht er die Fußstapsen des Physiolo-
gus und der ältern griechischen und latei-
nischen patristischen Literatur; er bespricht
die verschiedeneu Uebersetzungen ins Aethio-
pische, Armenische, mehrmals das Syrische,
später ins Arabische. Weitere Kapitel
handeln von der lateinischen Bearbeitung
und ihren Schicksalen; von dem Einfluß
des Physiologus auf die mittelgriechischen
Thierbücher; auf die Naturgeschichte des
Mittelalters; von den germanischen und
romanischen Bearbeitungen des Physiologus,
worauf dem Gerüche seiner Salben nach-
gegangen wird, in der germanischen und
romanischen Literatur des Mittelalters,
in der christlichen Kunst und bis zu seinen
letzten Auswüchsen, die sich noch in die
Neuzeit hereinziehen. Der griechische Text
selbst wird nach den besten Handschriften,
hauptsächlich unter Zugrundlegung des
Cod. Vind. Theol. 128 gegeben. So
folgt unser Verfasser mit einer Liebe, die,
wenn nöthig, sich durch das dichteste Dorn-
gebüsch den Weg bahnt, dem Lauf des
Flusses, dessen Erforschung er sich vorge-
setzt, auch in seinen getrennten Armen und
bis in die äußersten Verästelungen: nach-
dem er vorher all seine Quelladern er-
forscht, seine Biegungen und Windungen
registrirt und die geheimen und die offenen
Zuflüsse, die seine Wasser beeinflußten,
genau sondirt hat. Den vorhin genannten
Kapiteln gehen nämlich jene voran, aus
denen wir im ersten Theil unserer Be-
sprechung schon manche Proben mitgetheilt
und fruchtbaren Stofs für eigenes Nach-
denken geschöpft haben: die Kapitel, wo-
rin der Inhalt der etwa 50 Physiologus-
Abschnitte so gewürdigt wird, „daß zum
Vorschein kommt, bis zu welchem Grade
jede einzelne Thiergeschichte schon aus äl-
tern Autoren nachgewiesen werden kann
oder inwiefern die Darstellung des Phy-
siologus häufig eine weitere Entwicklungs-
stufe derselben repräsentirt, die wir wenig-
stens aus der uns erhaltenen griechischen
und römischen Literatur sonst nicht ken-
nen" (Einl. S. 5).

Aus diesen seinen inhaltsreichen Erörte-
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