Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 42
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Stütze zu bieten, und wir werden uns
überzeugen, daß die Aufgabe, eine prak-
tische, ja prosaische Zweckbestimmung künst-
lerisch zu verklären, nie mit solchem Auf- !
wand von Phantasie, technischer Virtuosi- !
tat und feinem Gefühl gelöst worden ist. !
— Oder wollen wir unser Augenmerk >
lieber auf das bedeutendste Steinbildwerk
desselben Münsters, auf das berühmte
Sakramentshänschen richten (vgl. ebend.
S. 49), so wird uns ein Wald von Wim-
pergen, Baldachinen, Ornamenten und Fi-
guren bezaubern: ein Wald der übrigens
trotz seiner unerschöpflichen Fülle nicht
sinnbetänbend wirkt, sondern durch einen
wahrhaft wunderbaren Zusammenklang
aller Einzelheiten mit dem Gliederbau Geist
und Auge' befriedigt. Insbesondere sind
alle die meisterhaften Figuren bis zu den
köstlichen Bettlergestalten, Waldmenschen,
Assen und wilden Thieren in den Hohl-
kehlen der Geländerbrüstnngen „nicht etwa
planlos ansgestrent, wie wenn der Zufall
sie zusammengewürfelt, sondern — es ist
eilt Görres'scher Satz, der uns hier am
Platze scheint — das ist eben die Krone
des ganzen Werkes, daß sie, nach densel-
ben organischen Gesetzen, durch die es sich
gestaltet hat, in ihm ausgetheilt, als die
innewohnende Begeistignng seinen verschie-
denen Gliedern sich einstigen".

Aber mannigfaltiger (wenn auch ver-
hältnißmäßig nicht reicher), machtvoller,
kühner als in all diesen Kleinbanten— Sa-
kramentshäuschen, Chorstühlen, Lettnern —
erglänzt die schöpferische Einbildungskraft
in der Ausstaffirnng mittelalterlicher
Prachtkirchen. Die romanische Kunst
zeigte sich erfindungsreich in den verschie-
densten figürlichen Einlagen ins Ornament;
in den Friesen, die ganz ans kleinen in
einander geschlungenen, auch sich verschlin-
genden Thieren bestehen; in jenen Unge-
thümen von fabelhafter Häßlichkeit und
den Zwittergeschöpfen von unbeschreiblicher
Zusammensetzung, wie sie die Kapitelle be-
völkern oder die Sänlenbasen umlagern
u. dgl. Mit dem Sinken des romanischen
Stils hörte dieses Thierspiel ganz auf,
aber nur, um nach einigen Jahren herrli-
cher wieder zu erstehen. Bon dem wun-
derbaren Erblühen der Gothik im Jahre
1210 an nistet sich in der Außendekora-
tion der Kirchen alles ein, was da kreucht

und fleucht: neben der anmnthigsten Flora
eine ganz eigenartige, nie gesehene Fauna.
Unter den Ansätzen der Fialen windet es
sich; an den Kanten der Strebepfeiler
klammerte es sich, manchmal krampfhaft,
an; von den Galerien strebt es wie Häup-
ter gefesselter (oder vom Gotteshaus ans-
sahrender?) Dämonen in langen Reihen
frei in die Luft; auf den Geländerbrüst-
nngen sitzt es in Form von seltsamen,
drapirten, behaubten Vögeln; ja eö kom-
men Fälle vor, wie z. B. an der Kathe-
drale von Laon, daß es wie riesige Ochsen-
gestalten, die sich verstiegen, sürwitzig von
den höchsten Zinnen sich hinausbeugt, wie
um unter den Vorübergehenden Ihres-
gleichen zu erspähen. Es ist eine ganze,
eigenartige Zoologie, deren Einzelerschei-
nungen in Gattungen eingetheilt werden
könnten. Jedes Land besitzt seine beson-
deren Typen, die sich an den gleichzeitigen
Bauten finden. Theils sind sie der lo-
kalen Fauna oderauch, wie Löwen, Panther,
Bären, den Thiergärten reicher Herren
entlehnt; theils gehören sie ins Fabelreich,
das die Thierbücher von damals so ein-
gehend schildern, wie z. B. Greif, Cala-
drins, Harpie, Sirene , Basilisk, Phönix,
Drache, Salamander. Vgl. Viollet-Le-Duc
8. Bd. S. 244. Ja die Höhen unserer
Münster sind selbst steinerne Bestiarien,
in welchen nicht allein die wirklichen Wesen,
sondern auch die bedingt wirklichen ver-
treten sind; sie sind, sagt Viollet-Le-Dnc,
„ein eigentlicher Kosmos, eine Encyklo-
pädie, welche die ganze Schöpfung in sich
begreift nicht bloß in ihrer sinnlichen Er-
scheinungsform , sondern auch in ihrem
geistigen Prinzip."

Ich sagte mit Fleiß: die bedingt
wirklichen Wesen und nicht die un-
möglichen, denn auch diejenigen unter
ihnen, denen kein wirkliches Lebewesen zu
Modell gestanden, sind von einem Meister
modellirt, der die Natur in ihren Tiefen
belauscht hat; und so wohl gefügt und
wahr gegeben sind die Gliedmaßen dieser
Scheinwesen, und so viel Leben, so viel
Aninnth spricht ans den scheinbar mit ein
paar schöpferischen Schlägen aus dem
Stein geschlagenen Gestalten, daß, wären
sie auch noch so mißgeborene Ungeheuer,
sie uns dennoch die Ueberzeugung ab-
nöthigen: gäbe es dergleichen — so müßten
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