Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 51
DOI Heft: 10.11588/diglit.15908.34
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15908.35
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15908.36
DOI Seite: 10.11588/diglit.15908#0058
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1891/0058
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
51

litten und ärmlichen Kirchenbauten für
große Städte begnügen; man wird nach
großem Plan oorgehen und müßte man
auch zu dessen Realisirung deü Bau noch
um ein paar Jahre tterschieben. Wo aber
keine Stiftung da ist, wo alle zu er-
wartenden Beiträge aus öffentlichen Kassen
nur einen kleinen Grundstock des nöthigen
Bankapitals repräseutiren, wo in einer
durch Kirchenbauten und anderes stark in
Anspruch genommenen Diözese die Bei-
steuern der Gläubigen nur tropfenweise
fließen — ist es da noch vernünftig,
zwanzig, dreißig und vierzig Jahre lang
zu sammeln aus einen großartigen Kirchen-
bau hin, und während dieser langen Zeit
die schreiende Kirchennoth einfach ans sich
beruhen zu lassen? Heißt letzteres etwas
anderes, als Hunderten den Besuch des
Gottesdienstes unmöglich machen, viele der
Kirche ganz entwöhnen und entfremden,
die geordnete Seelsorge für ganze Bezirke
der Stadt in Frage stellen und den Gottes-
dienst namentlich an Festtagen in den
beengten Kirchenräumen zum ganzeil oder-
halben Skandal werden lassen? Wer
möchte für solche Folgen die Verantwor-
tung tragen?

Was kann nun aber in diesen Fällen
geschehen? Der Weg wird durch die Ver-
nunft wie durch das Vorgehen anderer
ganz klar vorgezeichnet. Sobald das Geld
hinreicht, ist nach genauester Erwägung und
umsichtiger Lösung der Platzfrage ein Bau-
platz zu erwerben, und zwar nicht der
Bauplatz für einen Nothbau, sondern in
der Regel, wo immer es möglich ist, der
Bauplatz für einen großen massiven Kirchen-
bau und (was meist die Klugheit rathen
wird) zugleich für ein Pfarrhaus. Dazu
werden in einer Großstadt schon erhebliche
Mittel erforderlich sein. Nun führt man
sofort auf diesem Platz einen Nothbau ans
nach obigem System, womöglich nicht aus
demselben Grund, ans welchen später die
massive Steinkirche zu stehen kommen soll,
sondern ans dem Grund des späteren
Pfarrhauses, damit der Ban bis zur Voll-
endung des künftigen benützbar ist. Ist
der Nothbau erstellt, so kann nun mit
aller Ruhe die Weitersammlung von Geld-
mitteln für einen Massivbau betrieben
werden. Sobald letzterer vollendet ist,
wird die Nothkirche abgebrochen und sofort

an einem anderen Punkt in derselben Stadt,
wo inzwischen neue Bedürfnisse sich ge-
bildet haben, wieder aufgerichtet, oder an
einen andern Ort transferirt. Solche,
welche an der Möglichkeit dieses Vorgehens
zweifeln, sollen nur auf Ein Beispiel ver-
wiesen werden, ans die sog. Wanderkirche,
welche die Protestanten in Stuttgart vor
einigen Decennien am Neckarthor ans
Riegelwerk hergestellt haben; sie hat durch
diese lange Zeit hin ihre guten Dienste
geleistet und wsrd nach Vollendung der
steinernen Friedenskirche, deren Bau nun-
mehr begonnen hat, dem Vernehmen nach
einfach abgebrochen und in einem andern
Stadttheil wieder anfgerichtet. Nur wollte
oder konnte hier nicht ein und derselbe
Platz für Nothbau und definitiven Bau in
Aussicht genommen werden.

Wir wollen zum Schluß auch offen
heraussagen, daß wir bei diesen letzten
Ausführungen hauptsächlich an Stuttgart
dachten. Ueber die Kirchenbaufrage in
unserer Residenz haben wir uns schon im
Jahr 1887 im „Archiv" eingehend aus-
gesprochen (s. S. 29 ff.) und verweisen aus
das dort Gesagte. Weitere Beachtung
haben, worauf wir von Anfang an gefaßt
waren, unsere Erörterungen nicht gefunden:
doch hatten sie wenigstens den Erfolg, daß
man zunächst vom Ban einer (kleinen
Stein-) Kapelle im Stöckach absah. In
der letzten Zeit hat sich dem Vernehmen nach
ein Kirchenbaukomite gebildet, welches die
Stuttgarter Kirchenfrage in die Hand
nehmen soll; wir wollen nicht unterlassen,
sowohl jenen früheren als diesen Artikel
seiner Erwägung anzuempfehlen.

phantastische, scherz- und boshafte
Gebilde mittelalterlicher Kunst.

Von Stadtpfarrer Eugen Keppler in Freudenstadt.

(Fortsetzung.)

Allerdings ist die Frage: Wie kommen
die phantastischen Gebilde an (und sogar
in) das Gotteshaus? durch die baulich
günstige Wirkung derselben noch nicht
beantwortet. Außer dem organischen Zu-
sammenhang mit dem Kirchengebäude führt
uns das Denken noch ans einen initigeren
mit der Idee des Kirchenbaues hin.
Diesen finden wir in dem schon oben er-
wähnten Umstand, daß jeder Tempel, auch
loading ...