Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 53
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tur sich herleiten, stehen also der obigen,
welche auf die Aufgabe alles Geschaffenen,
ein Lob Gottes zu sein, zurückgeht, nicht
entgegen, gesellen sich vielmehr zu ihr wie
zum Lichte der Schatten.

Außer diesen allgemeinen Gesichtspunkten,
aus welchen sich das Vorkommen so vieler
fratzenhafter Menschen- und phantastischer
Thiergestalten erklärt, sind sodann für die
Feststellung einzelner Bedeutungen die
Bestiarieu maßgebend. Die Bestiarien,
welche am Ende des 12. und bis zur
Mitte des 13. Jahrhunderts im höchsten
Schwange waren (damals als die Kunst
unter Laienhänden erblühte): sie waren
es, wie schon gesagt, welche die Außenseite
der Kirchen mit dieser Unmasse von Wesen
bevölkerten. Nun legen aber diese Thier-
bücher bekanntlich den meisten dieser schein-
bar humoristischen Fratzen-Gebilde — ja
sogar den einzelnen Thier theilen, wor-
aus sich die oft seltsamen Mischbildungen
erklären — sehr ernste Wahrheiten unter,
und dieser geistige Gehalt (nicht die Ge-
stalt!) war eben die Hauptsache in einem
Zeitalter, da die Symbolik alle Geister
gefangen hielt. Man wird also manchen
bisher gering geachteten Wasserspeier nicht
mehr als bloße Ausflußröhre, sondern als
eine Sphinx anzusehen haben, die ein
Geheimniß hütet. Wenn einmal der Löwe
das stehende Sinnbild ist von Wachsam-
keit, Kraft und Mnth; die Sirene von
Anreizung zur Sünde; der Basilisk von
der Macht des Bösen; der Hase von einem
reumüthig zu Gott fliehenden Sünder;
und wenn der Drache gar der Inbegriff
vieler Wundereigenschaften ist, und zwar
so, daß ein jeder es verstand, so wird man
gut thun, hinter jeder derartigen Dar-
stellung (sofern nicht etwas Besonderes im
Wege steht oder sie nicht offenbar
bloßer Ausfluß der Künstlerlaune ist),
gleichviel ob sie sich in einer Handschrift,
auf einem Wandgemälde, in einen: Fries
oder gar unter dem gemeinen Volk der
Wasserspeier findet, den tieferen Sinn zu
vermuthen. Man hat nachgewiesen, daß
durch eine Reihe von Wasserspeiern sich
sogar eine ganze Gedankenreihe fortspinnen
kann, wiewohl lückenlose Reihen zu den
Seltenheiten gehören dürften. So bringen
die neuen, aber von Thrän nach mittel-
alterlichen Traditionen hergestellten Wasser-

speier am Ulmer Münster das allmälige
Sinken des Menschen in Sünde und Laster
— am Ostende beginnend, an der Nord-
seite entlang — an der Westfront die
Erlösung, an der Südseite die Heiligung
zur Darstellung. In Mythos Baulexikon
2. Bd. S. 980 sind zwei merkwürdige
symbolische Wasserspeier von den kleinen
Thürmen von St. Denis abgebildet, deren
einzelne Theile eine ziemlich durchsichtige
Reihe von Gedanken erkennen lassen. „Die
erste Figur hat einen bellenden Hundekopf
(Zorn), Bocksbart (Unverschämtheit), Hin-
terfüße mit gespaltenen Klauen (Heftigkeit
schlechter Leidenschaften), Vordersüße mit
Krallen (Verlangen nach dem Bösen, Sucht
zu schaden), phantastische, erhobene Flügel
zwischen denen der Fledermaus und des
Insekts die Mitte haltend (Prahlerei und
Heuchelei), Körper und Stellung eines
Wiederkäuers (Unversöhnlichkeit). Die
Magerkeit bezieht sich ans die dem hier
dargestellten Laster, nämlich den: durch
Neid erregten Zorn, folgende innere Selbst-
verzehrung. — Die zweite Figur stellt
einen Mönch dar mit züchtig gegürteter
Bekleidung (Keuschheit), aber entblößten:
Rücken (Bußgeißelung), der in einen
Schweif endigt (letzter Rest der Sünde).
Der Unterkörper ist nicht sichtbar: die
Handlungen der Priester allein sind dem
Blick preisgegeben, die Absichten und
Gründe nicht; diese kennt nur Gott. Der
Blick ist nach Westen (d. h. nach dem Le-
bensende) gerichtet. Mit der Rechten greift
er in den Busen (Selbsteinkehr), die Linke
hält die Manikora, ein Thierchen mit
Hundeschnauze, Katzenkrallen, Sumpfvogel-
slügeln, Schweinsohren und Skorpions-
schwanz, d. h. die Büßfertigkeit fesselt den
Zorn, die Sucht zu schaden, den Eifer
über die Beute herzufallen, die Schwer-
hörigkeit gegen Gottes Mahnungen und
tritt dadurch dem Verderben entgegen. Das
Ganze sinnbildet also die geistige Wieder-
geburt durch Buße."

So haben wir selbst an diesen meist
stiefmütterlich behandelten llors-U'ceuvre
mittelalterlicher Kunst alles nur keine
gedankenlose Spielerei gefunden. Wer
weiß, wie viel hohe Wahrheit und tiefer
Sinn auch manchem, auf den ersten Blick
abenteuerlichen romanischen Bildwerk inne-
wohnen mag, das bis jetzt als toll-humo-
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