Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 54
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ristisch und halbheidnisch verschrieen ist.
Wer weiß (um nur auf ein derartiges
Beispiel zu verweisen) ob nicht der Jagd-
zug im Fries des Kranzgesimses an dem
berühmten Thurm der Johanneskirche in
Schwab. Gmünd, bei welchem der eine
Erklärer an Wuotans wilde Jagd, der
andere an ein rohes Genrebild, der dritte
an gar nichts denkt, nicht den Kreislauf
des menschlichen Lebens darstellten sollte?
Wenigstens sind in diesem Sinne die Jagd-
scenen schon ans uralten Sarkophagen an-
gebracht und die Bären und das übrige
Wild sinubilden dann wohl die Laster,
welche die Menschen in allen Lagen des
Lebens verfolgen und erlegen sollen (vgl.
3. Flelitonm »Clavis« apud Spicil. So-
lesm. tom. III.: Ursus, Simia, Venatio,
Venator). (Forts, folgt.)

Heue Beiträge zur Hrage der
Laselform

(Fortsetzung.)

II. Der S ch n i t t d e s M e ß g e w a n d e s.

Die Frage der Casnla kann nicht zur
Ruhe kommen. Versuchen wir einmal, sie
voit einer Seite zu lösen, wo sie der Lö-
sung am dringendsten bedarf und derselben
ailch fähig ist, von der schneidertechnischen.
Von dieser Seite hat auch die Verderbniß
der Casula angefangen bis znm tiefsten
Verfall, der Baßgeige! Von derselben
Seite wird die Baßgeige, nachdem sie
ziemlich allgemein verurtheilt und perhor-
rescirt war, wieder einzuschmuggeln ge-
sucht.

Man stellt scharfsinnige Untersuchun-
gen an, wie dieses Gewand, das ehrwür-
digste unter den liturgischen Kleidern, so
jämmerlicher Verunstaltung preisgegeben
werden konnte, daß es schließlich mit allen
möglichen Dingen verglichen werden kann,
nur nicht mit einem Kleide. Man staunt
mit Recht über die Unsumme votl Gleich-
giltigkeit und Geschmacklosigkeit, mit wel-
cher man dem Treiben der Paramenten-
lieferanten zusah, mtb viele sogar jetzt noch
geneigt sind, diese Verunstaltung als einen
heiligen, unverletzlichen Canon zu verehren.
Und doch belehrt uns eine Menge von
Abbildungen, Gemälden, Grabmälern, und
der Blick in ältere Gerkammern, daß diese
Verschändung eines heiligen und schönen

Gewandes ziemlich neuen Datums ist, und
sich fast noch vor unfern Augen vollzogen
hat. Man will den schlechten Stoffen die
Schuld beimessen, welche, auf Schein und
Täuschung berechnet, solid und prächtig
aussehen, aber so schwach sind, daß sie
keine Faltung ertragen können. Darum
habe man, um den Faltenwurf unmöglich
zu machen, die Cafeln mit einem steifen,
straffen Zwischenfutter besetzt, das aller-
dings jede Falte gründlich ferngehalten,
aber auch die Arme an jeder Bewegung
verhindert hat. So mußte man durch
Einschnitte die Arme wieder freistellen, und
dadurch bekam das Gewand jene Taille,
die zum unrühmlichen Vergleich mit dem
im Orchester unentbehrlichen Krastinstrn-
ment heransfordert.

Andere Forscher finden die Erklärung
in der Sparsamkeit, welche das Gewand
immer kleiner Zuschnitt, bis man es, um
doch noch einen Theil des Körpers zu be-
decken, mit Steifleinen auseinander halten
mußte. Jede dieser Erklärungen mag etwas
für sich haben. Warum aber will man
auch da, wo gute Stoffe verarbeitet wer-
den , und wo man die Sparsamkeit nicht
mehr so zum Exceß betreibt, nicht von den
bisqnitförmigen Einschnitten lassen und
sogar noch ihre Unentbehrlichkeit behaup-
ten? Die Baßgeige kommt wieder, und
damit man sie nicht alsbald bemerke, ver-
steckt sie sich geschämig hinter den Rücken-
theil, nämlich auf dem prachtvoll illustrir-
ten Preisconrant der Paramentenfabriken.
Da sieht man jetzt nur mehr die Rücksei-
ten der neuen Caseln abgebildet. Die
Baßgeige neuester Auflage darf man erst
sehen, wenn die Bestellung gemacht und
effektuirt ist. Seien wir jedoch mild im
Urtheil und schreiben wir denUebelstand nicht
bösem Willen, sondern der Unwissenheit
zu, der Unfähigkeit, die Gewänder so zu
schneiden, daß sie eine würdige und hand-
liche Körperhülle darbieten. Ich habe
mehrere neue Easeln aus renommirten „Ge-
schäften" genau untersucht und glaube ge-
funden zu haben, wo es fehlt, und wie
zu helfen ist.

Die sich schon mit Erfindung eines guten
„Schnitts" abgemüht haben, werden mich
sofort verstehen, wenn ich behaupte: eine
Körperumhüllung kann man nicht Herstel-
len, wenn man die Naht zwischen Vorder-
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