Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 55
DOI Heft: 10.11588/diglit.15908.34
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15908.37
DOI Seite: 10.11588/diglit.15908#0062
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1891/0062
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
55

und Rückseite über die Schultern laufen
läßt. So gibt es etwa ein Futteral über
einen flachen Gegenstand, aber keine Be-
kleidung eines Körpers. Denken wir uns
eine Casel so ans zwei Klappen zusam-
mengesetzt, so wird der Träger derselben
etwa so lange mit seinem Gewand Frie-
den haben, als er wie ein Statist ruhig
mit herabhängenden Armen stehen bleibt.
Nun bringt es aber die Bestimmung des
fraglichen Gewandes mit sich, daß man
diese oben beschriebene Stellung gar nie
einznnehmen hat, sondern man muß mit
den Armen nach vorne und nach der Seite
manipuliren, auch dieselben nach oben aus-
strecken. Da wird nun bei jeder Bewe-
gung das Gewand widerspenstige Gegen-
bewegungen machen, ja beim Aufstrecken
der Arme ist zu fürchten, daß die ganze
Theke mitgeht und der Kopf des Funk-
tionärs unter ihr verschwindet. Wie will
man nun diesem Uebelstande abhelfen?
Man wählt die roheste und häßlichste
Lösung, man macht Einschnitte an dem
Vordertheil, und so haben die Arme aller-
dings mehr Freiheit erlangt, aber das Fa-
brikat hat dabei den Charakter eines Klei-
des verloren. Auf unserer Zeichnung
Figur I ist dieser Unglücksfall in V20
Maßstab dargestellt.
Hier sind Vorder-
nud Rückseite im
gleichen Winkel über
den Schultern zn-
sammengenäht, so
daß die Naht ge-
rade über die Achsel
läuft.

Um nun von
der niederreißenden
Kritik zum Aus-
bauen , vom Tadeln zum Bessermachen
überzugehen, stellen wir uns die große
Wahrheit vor Augen, daß die Casula
kein Futteral, keine Schabrake, keine
Theke sein soll, sondern ein Kleid,
bestimmt, einen Körper zu umhüllen, so
daß die Glieder, in unserem Falle die
Arme, in ihrer freien Bewegung nicht ge-
hemmt sind. Da hat nun, schon ehe es
eine Dresdener Schneiderakademie gab,
der Scharfsinn der Schneider uns so gut
vorgearbeitet, daß wir für alle Bedürf-
nisse die Formengesetze finden. Mittels

einer klugen Verbindung von geraden Ln
nien, Kurven, Einschnitten, Ausschnitten,
Zwickeln wissen sie die schwersten, ver-
wickeltsten Aufgaben in der Umhüllnngs-
knnst zu lösen. Wenn wir die Präparate
zu einer Weste, zu einem Nockleib, zu
einem einnähtigen Aermel flach aus dem
Tisch liegen sehen, so können wir uns
nicht vorstellen, wie ans diesem Gewirre
geometrischer Figuren ein harmonisches
Ganze werden soll. Aber siehe da! einige
Nähte werden gemacht, und das Kunst-
werk ist fertig.

Die größte Schwierigkeit bei Konstruk-
tion einer Casula liegt in der Aufgabe,
daß sie die Schultern anständig umhüllt,
in weichen Falten hernnterfällt, den Ar-
men freie Bewegung läßt und namentlich
der Bewegung nach oben kein Hinderniß
setzt. Dies alles erreichen wir durch ein
höchst einfaches Mittel, indem wir statt
der Ausschnitte am geeigneten Orte Zwickel
anbringen. Um viel Gerede zu ersparen,
geben wir einige Zeichnungen, nach welchen
man aus dem Reißbrett oder ans einem
Tisch die Papierschablone Herstellen kann,
und zwar für zweierlei Caseln, für eine
von mittlerer Größe, und für eine etwas
reicher zngemessene, die aber die Dimen-
sionen der sogenannten Bernardscasel nicht
erreicht.

Von jeder ist je die Hälfte der Vorder-
seite itub der Rückseite gegeben. Um die
Schablone in Größe der Ausführung zu
machen, lege man das Papier zusammen-
gefaltet auf den Zeichentisch, so daß die
Falte auf der Mittellinie liegt, und ver-
größere dann unsere Zeichnung nach den
angegebenen Maßen. Die pnnktirten
Linien ermöglichen es, genau jede Abweich-
ung vom rechten Winkel zu berechnen. Ist
die Zeichnung aufgerissen, so schneidet man
sie auf dem doppelt gelegten Papier ab
und hat nun die ganze Patrone. Ist der
Stoff nach -er Patrone geschnitten, so er-
folgt die Verbindung beider Theile und
die weitere Montirnng.

Wem der Halsausschnitt zu enge vor-
kommt, der kann ihn nach Belieben weiter
schneiden. Will man außer dem Unter-
futter noch ein Zwischensutter anbringen,
so sei es nur ein leichtes, weiches, ja kein
steifes. Wer mit der Herstellung der
Schablone nach unserem Rezept nicht ser-
loading ...