Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 64
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taub und könnten, wie so manches andere
in dieser gemalten Formenwelt, ans die
Vermnthnng französischer Einflüsse führen.
Ganz eigenartig ist die Westwand (Figur
2) ansgestattet. Sie ist fensterlos und
ward nun ziemlich hoch oben mit einem
gemalten, dreitheiligen, ebenfalls mit Wim-
perg abschließenden Fenster dekorirt (Fi-
gur 4). Rechts und links von diesem
Fenster aber erblicken wir zwei eigenthüm-
liche, nicht ganz gleiche, sondern hübsch
variirte, sehr zierliche Krenzformen, welche
ans geschwungenen Linien gebildet sind;
sie scheinen ans Thnrmgiebelchen als Krö-
nung herausznwachsen und sind eingefaßt
mit Krabbenlinien, welche eben wieder in
Giebeldreiecken zusammenlaufen. Diese
Krenzdekoration ist nicht inehr ganz ver-
ständlich und weckt die Vermnthnng, daß
auch Figur 5 links vom Fenster trotz der
fortlaufenden Quadratur und der Aus-
setzung der untersten Krabben auf der-
selben einst nach unten irgend eine Fort-
setzung, vielleicht in einem Sknlptnrwerk
gefunden haben dürfte; bei der Figur 3
rechts vom Fenster sind noch Ansätze einer
gemalten, wieder fensterartigen Fortsetzung
zu erkennen. Von der Vorderwand, welche
im übrigen gleiche Behandlung zeigt wie
die südliche, verdiente eine eigene Auf-
nahme die außerordentlich schöne, gemalte
Fensterrose (Figur 8) mit ihrer eleganten
Krabbennmsäumnng und Lilienkrönnng,
— wie alle Ornamente auf das accnrateste
gezeichnet, weiß kontnrirt und roth ge-
malt.

Nun beachte man zunächst die hier zur
Verwendung gebrachten Dekorationsmotive.
Wir sind nach und nach schon dahin ge-
kommen, daß wir sowohl bei Glasmale-
reien als für die Wandbemalnng archi-
tektonische Motive eher widerrathen als
empfehlen. Der Grund liegt darin, daß
diese Motive lange Zeit hindurch verfehlt
angewendet wurden. Man schien mit
ihnen Jllusionskünste treiben zu wollen;
man gestaltete sie in der Wand- und
Glasmalerei plastisch, körperhaft, steinern
oder hölzern, anstatt sie erst in die feinere
Formensprache der Malerei zu übersetzen.
Man sieht auf den ersten Blick, wie fern
sich die Pfnllinger Dekoration von diesem
Fehler hält, wie zart und feinfühlig sie
die architektonischen Glieder, das architek-

tonische Maßwerk aus dem Stein in die
Farbe überträgt; diese malende Hand lei-
tete ein lebendiges Gefühl davon, daß sie
nicht Architektur bis zur Täuschung nach-
zubilden, sondern nur architektonische Re-
miniscenzen malerisch zu verwerthen habe.
Darum ist in dieser gemalten Architektur
ein ähnlich ideeller Zug, eine ähnliche
Grazie, wie in der Architektur der pom-
pejanischen Wandmalereien.

Wie einfach sodann ist die Farben-
gebung dieser Temperatechnik! Nicht mehr
als drei, selbst sehr bescheidene Töne:
der neutrale Grnndton, das kalte, harte,
ruhige Gran, dann die weißen Qnadrirnngs-
und Umsänmnngslinien und das Ocker-
roth, die mildkräftige, warme und volle
Erdfarbe. Aber welche Wirkung er-
zielen diese sparsamen und einfachen kolo-
ristischen Mittel! Wie vortrefflich har-
monirt diese Trias; wie wird durch das
schimmernde Weiß das Dunkel des Wand-
tons siegreich gelichtet und dessen Kälte
durch das Roth wohlthuend erwärmt!
Jetzt noch, verdunkelt durch den Staub-
schleier, den die Jahrhunderte darüber ge-
woben, üben die Malereien auf das Auge
ihren erfreuenden aber nicht zerstreuenden
Reiz ans. Nur wahre Kunst vermag mit
so kleinen Mitteln so noblen und nach-
haltigen Effekt zu erzielen.

Wenn wir diese nie durch die Tünche
eingesargten, aber doch in gänzliche Ver-
gessenheit gerathenen und erst durch den
Landeskonservator Dr. Paulus wieder
entdeckten, durch Architekt Endes anfge-
nommenen Wandmalereien ausführlicher
besprochen haben, so leitete uns dabei nicht
bloß ein historisches Interesse, sondern
namentlich auch ein praktisches. Vielleicht
in keinem Punkte sind wir noch so unsicher,
wie bezüglich der malerischen Ausstattung
der Kirchenbauten. Wo unsere Mittel
gering sind, verfallen wir gerne in rohe
und grobe Formen- und Farbengebung,
wo sie reich sind, in geschmacklose und
drückende Ueberladnng. Großes Unheil
entsteht namentlich, wenn man bei geringer
Leistungsfähigkeit der Kasse und des Künst-
lers doch um jeden Preis sich über das
Ornamentale hinaus ins Figürliche vor-
wagt. Das vorgeführte Beispiel kann
uns Selbstbescheidnng lehren und Sinn
für eine ebenso feine als einfache, ebenso
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