Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 66
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bet anderen Meistern dieser Zeit vor-
konnnt.

Ein technisch weit besser aitsgebitdeter
Meister offenbart sich in jenen 4 Reliefs,
welche die zwei Werke der Barmherzigkeit
nebst Gebnrt und Anbetung der Weiseit
umfassen und auf der inneren Seite des
zweiten Flügelpaares am Choraltar zu
Mettenberg sich befinden; sein Schnitt ist
sehr scharf und utarkirt und sicher; lei-
der ist keine Spur eines Monograinms
oder einer Beischrift zu finden. Hier ist
aber unleugbar ein Einfluß von Albrecht
Dürer vorhanden, der auch anderwärts in
unserer Gegend nachgewiesen ist und so-
gar nicht selten bis zttr Kopiruug geht.
Presset teilt in der Festschrift zum Uliner
Münsterjubiläum 1877 S. 110 mit, daß
ans der Rückwand des Hntzenaltars im
Münster eine flüchtige Skizze des jüngsten
Gerichts in Leimfarben gentalt sei, die bis
ins einzelne eine Nachbildung eines Dürer-
schen Passionsbildes sei. Im Kloster
O t t e n b e n r e n bei Memmingen steht !
ferner ein Reuaissancealtar mit Flügeln,

Gsburt Christi.

ans denen eine ganze Reihenfolge von Nach-
bildungen derDürerschen Kupferstichpassion,
theils in Skulptur, theils in Gemälden, sich
befinden. Neben diesem sind daselbst noch
zwei große isolirte Reliefbilder in Holz
geschnitten mit dein Gebet des Heilandes
am Oelberg und der Gefangennehmung

genau nach der Dürerschen Kupferstich-
passion.

Bis ans einen solchen Grad steigert sich
nun die Nachahmung Dürers bei den vier
Reliefbildern in Mettenberg nicht; aber
auf zweien derselben (Gebnrt Christi und
Anbetung der Weisen) sind wenigstens
Einzelheiten aus beit Holzschnitten
Dürers in seinem Leben Mariä entnom-
men. Bei der Geburt ist nicht bloß das
Christkind, sonderit auch das Linnentuch
und der weidengeflochtene Korb, in welchem
dasselbe liegt, nebst dem Stein, worauf
der Korb gestellt ist, so genau mit der
betreffenden Partie im Dürerschen Holz-
schnitt übereinstimmend, daß eine Entleh-
nnng ganz sichtlich ist. Ebenso das Christ-
kind bei der Anbetung der Weisen, wovon
wir früher schon eine Abbildung in Licht-
druck veröffentlicht haben. (Ulmer Münster-
blätter VI. Heft 1889.)

Auch die Relieffiguren des hl. Sebastian
und Blasius an den Flügeln des nörd-
lichen Seitenaltars in Mettenberg lassen
eine recht tüchtige Hand erkennen, wenn
sie auch keinen Anhaltspunkt darbieten, um
daraus weitere Gesichtspunkte abzuleiten.

Wir glauben auf diese Reiheitfolge von
Skulpturen einen gewissen Nachdruck legen
zu dürfen und zu sollen, weil dieselben in
Verbindung mit noch andern Werken der
Malerei und Plastik geeignet sind, eine
Lücke in der knnstgeschichtlichen Entwicke-
lung unserer Landschaft ansznfüllen. Das
Ende des 15. und noch der Anfang des
16. Jahrhunderts bezeichnen eine Blüthe-
zeit der bildenden Kunst iit ganz Deutsch-
land, woran auch unsere engere Landschaft
rühmlichen Antheil nahm. Nicht bloß die
Meister von Ulm, sondern auch die von
Memmingen und Ravensburg haben sich
einen guten Platz in der deutschen Kunst-
geschichte errungen.

Aber anderwärts (Augsburg, Nürnberg)
trat bei den bildenden Künsten noch eine
Fortentwickelung ein bis zum Ende des
16. Jahrhunderts, beziehungsweise bis
zum Ausbruch des allverheerenden dreißig-
jährigen Kriegs, also nahezu durch ein
weiteres Jahrhundert. Für unsere engere
Landschaft aber war man zu der Annahme ge-
nöthigt, als ob der Faden vom Jahr 1520
an ungefähr abgerissen wäre. Für Ulm
und Memmingen scheint von da weg bis
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