Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 67
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zur Mitte des Jahrhunderts wirklich eine
nicht weiter auszufüllende Lücke zu be-
stehen. Um so mehr ist es zu begrüßen,
daß in Oberschwaben immerhin noch eine
Stätte die schwere Krisis jener Zeit über-
dauert hat. Es ist freilich nur eine Nach-
b l ü t h e der vorangegangenen schwungvollen
Periode; aber das ist auch anderwärts
nicht anders und ist in den Gesetzen der
geschichtlichen Entwickelung begründet.

Sodann aber, von der Mitte des 16.
Jahrhunderts an, nachdem der Stil der
Renaissance schon vollständig dnrchgedrun-
gen war, treten auch da und dort in der
oberschwäbischen Landschaft wieder mehr
oder weniger namhafte Meister auf. Der
bedeutendste Plastiker, von dem noch einige
Werke in Ottenbenren bestehen, ist ohne
Zweifel Thomas Heidelberger in
Memmingen; zumal wenn von ihm, was
sehr wahrscheinlich ist, auch die Portal-
umrahmungen in Ochsenhausen her-
rühren. Ferner werden aus Veranlassung
des Schloßbaues in Heiligenberg ge-
gen Ende des 16. Jahrhunderts Namen
genannt von Meistern aus Ueberliugen,
Ravensburg, Biberach, Jsny, die
geeignet sind, einige Streiflichter über den
Kunstbetrieb jener Zeit, besonders im Ge-
biete der Plastik, zu verbreiten. Auch in
Ulm wurde, wenn auch freilich nicht so
kräftig wie in der vorhergehenden Periode,
der Faden wieder neu ausgenommen und
in Konstanz wirkte der tüchtige Bild-
hauer H. Morin.

Mag nun auch Vieles über die Pflege
der Kunst in dieser Periode noch verhüllt
sein und viele Werke verloren oder durch
den späteren Barockstiel wieder verdrängt
worden sein, so wächst doch die Aussicht,
daß durch fortgesetzte und allseitige Nach-
forschungen noch weitere Anhaltspunkte
gewonnen werden können.

Was schließlich noch die dem 15. Jahr-
hundert angehörigen von Heggbach stam-
menden mittelalterlichen Skulpturen in
Mettenberg anbelangt (hl. Katharina,
Barbara, Johannes der Täuser, ein Kirchen-
lehrer und andere), so können wir uns
darüber ganz kurz faffen. Hier besteht
die Wahl zwischen Ulm, Memmingen und
Ravensburg; denn Heggbach ist von all
diesen Orten ungefähr gleich weit entfernt
und alle drei Städte hatten in jener Zeit

sehr tüchtige Werkstätten. Ulm hatte sei-
nen Syrlin, Memmingen seinen Hans
Dapratzhaus, Ravensburg den I. Rueß
und F. Schramm. Die.Waagschale scheint
sich, alles in allem erwogen, nach unserer
Auffassung, am meisten nach Ravensburg,
uud zwar zu F. Schramm hiu zu neigen.
Eine Sicherheit wird unter solchen Um-
ständen jedoch nicht zu erreichen sein; aber
unzweifelhaft ist, daß diese Statuen in der
oberschwäbischen Landschaft selbst entstan-
den sind und zu den beachtenswerthen Er-
zeugnissen dieser Periode gehören dürften.

Wir möchten aber wiederholt darauf
zurückkommen, daß feneit Werken der
Plastik, welche gewöhnlich als „spät"
bezeichnet werden, gerade aus diesem
G r u n d e e i n besonderer k u n st h i st o-
rischer Wert zukommt. Hat doch
in neuester Zeit Bode in seiner Geschichte
der deutschen Plastik (1. c. S. 228) das
harte Urtheil ausgesprochen, daß die
deutsche Plastik in diesem Zeitraum
völlig in Verfall gerathen sei, daß die
meisten und jedenfalls die wichtigsten
Werke von fremden Meistern ans deut-
schem Boden ausgeführt worden seien, theils
von Italienern, theils von Niederländern.
Das trifft nun freilich bei den Augsbur-
ger Brunnen und anderwärts zu; aber es
ist doch, zum Glück, nicht eine ausnahms-
lose Regel, weder im südlichen noch im
nördlichen Schwaben. Für das letztere
weisen wir auf die Werke des G e o r g
Behr (c. 1580) hin, der für das Lust-
haus in Stuttgart eine Menge plastischen
Schmucks schuf, welcher nach dem Abbruch
des Gebäudes selbst noch gerettet wurde
(cf. Walcher in den Württ. Vierteljahrs-
heften für Landesgeschichte 1886 S. 161
und 1887 S. 161).

Nekrologe.

Im vorigen Jahr (12. August 1890) starb
Christoph Heinrich Otte, der sich um die
Geschichte der christlichen Kunst sehr verdient ge-
macht und Kunstsinn und Kunstcifer in den
Kreisen der protestantischen Geistlichkeit in hohem
Grade geweckt und gefördert hat. Geboren in
Berlin am 24. März 1808 und in Berlin und
Halle zum Theologen ausgebildet, fühlte er die
Freude an der kirchlichen Kunst in seinem Innern
sich regen angesichts der Domkirche von Merseburg,
deren Einzelheiten der Domküster ihm erklärte.
Er wurde 1833 Landpastor in Fröhdcn bei Jüter-
bogk, Provinz Brandenburg, und wandte seine
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